 er in einem der kleinen Chantants draußen in Berlin N., wo
die Chausseestrasse anfängt, als Komiker auftrete, und ich beschloss sofort, den
nächsten Abend zu einem Besuche in diesem Lokal, das sich Zum Nordlicht nennt,
zu benutzen.
    Das Milieu brauche ich euch nicht zu schildern; ihr kennt es aus eigener
Erfahrung und aus den Novellen der ersten Periode unsres deutschen Naturalismus.
Ich muss sagen: Mit einer wahren Angst sah ich dem Auftreten Stilpes auf dieser
Bühne entgegen, auf der sich im Übrigen nur Chansonetten letzten Ranges
produzierten. Auf dem Programm stand er als - »Rudolph Schonaar« verzeichnet.
Ist das nun ein Stück Selbstironie? dacht ich mir; hat er wirklich noch den
Humor, sich über sich selbst lustig zu machen? Wie wird er bloß aussehen!? Und,
mein Gott, wie wird er singen?!
    Ich war auf alles mögliche gefasst, aber nicht auf das, was kam.
    Dass ich es kurz sage: Es war eine Leistung! Ich bin ja freilich kein Kenner
auf diesem Gebiete, aber das getraue ich mir zu sagen: In seiner Art war die
Charge, die unser Schaunard von ehedem darstellte, ein brillantes Stück
grotesk-realistischer Tingeltangelkunst. Es war im Grunde niederdrückend für
mich, was ich sah, und doch ging ein Gefühl nebenher, das ich so ausdrücken
möchte: Der Kerl imponiert mir doch! So sich über sich selber zu stellen mit den
Mitteln einer zwar niedrigen, aber in ihrem ganzen Stile fabelhaft erfassten
Kunst, so das ganze traurige Ergebnis seines Lebens mit grotesker Laune
tragikomisch dem Pöbel vor die Füße zu werfen, so von oben herab auf sich selber
herumzutreten und doch den Eindruck eines Mannes zu machen, der sich dabei
amüsiert, - wisst ihr: Das ist kein gewöhnliches Stück, da steckt trotz Allem
eine künstlerische Persönlichkeit dahinter.
    Also stellt euch vor: Stilpe trat als verlumpter, versoffener alter Dichter
auf. Lange graue Haare, zerknüllter Cylinder, Bratenrock, flatternder
Künstlershlips, - dies also die alte schablonenhafte Figur des idealistischen
Dichters in übler Vermögenslage. Aber nun hättet ihr sehen sollen, wie das
Gesicht, die Bewegungen, die Worte dazu passten. Zum Gesicht hatte er freilich
keine Kunst nötig gehabt: Diese aufgedunsenen Züge, diese alkoholisch poröse,
kupferige Nase, diese schwimmenden, unstäten Augen, - das war leider Alles
Natur. Auch die Bewegungen, dieses Fallenlassen der Arme, die dann an den
Schenkeln herumsuchten und tasteten, dieses nervöse Zucken der Schultern, dieses
zitternde Auflegen der rechten Hand auf die Stirne, dieses langsame Auf- und
Niederneigen des Kopfes, dieses Nachschleifen der Füße beim schwankenden Gange,
- auch dies war im Grunde Natur, nur unterstrichen, perspektivisch berechnet.
Aber nun: Was
