, wir ahnen vielleicht gar nicht, was für raffinierte
Sachen die Biedermänner Germaniens leisten werden, wenn unser Geist über sie
gekommen ist! ... Kinder, küsst unsern blonden Engel hier und umarmt mich, denn
wir haben die Welt im Sacke!
    In diesem Stile und toller noch geberdete sich die Wollust Stilpes, endlich
einmal ein Ziel gefunden zu haben, das seinem Wesen gemäß war. Und die andern,
der Zungenschnalzer voran, waren nicht weniger außer sich.
    dabei entwickelte Stilpe aber auch eine wirkliche Tätigkeit, und, kaum, dass
ein Monat vergangen war seit dem ersten Auftauchen der Momus-Idee, da hatte er
auch schon »Kapital am Bändel«, und die Aktiengesellschaft Momus war gegründet,
ein verkrachtes kleines Theater gemietet und er »artistischer Direktor« des
Ganzen.
    Seine Gabe, sich auch klug zu benehmen, wenn es not tat, kam ihm dabei sehr
zu statten. Es war ein Schauspiel, ihn zu sehen, wie er in seinem Staatsrock und
mit seinen lässigen Gesten des sicheren Geschäftsmannes bei »Leuten von Gelde«
am Merke war, die aussichtsreiche neue Idee mit einem großen Aufwande von Zahlen
aus dem Geschäftsberichte der Londoner Empire-Gesellschaft zu entwickeln, und
wer ihn anzuhörte, wie er in gesetzter Rede, aber mit einem Grundton tiefer
künstlerischer Überzeugung und dabei gestützt auf entwickelungsgeschichtliche
Ideen origineller Art nachwies, dass das Unternehmen eines
»künstlerisch-literarisch bedeutsamen Kunstinstitutes mit Variété-Prinzip«
geradezu eine Forderung des Zeitgeistes sei, der zweifelte nicht, dass hier eine
»Sache« im Entstehen war.
    - Sehen Sie die Theater an! Sie sind leer! Gehen Sie in den Wintergarten! Er
ist voll! Dort Ableben, hier Aufleben! Wer die Kunst liebt, muss von Schmerz
ergriffen werden bei diesem Anblicke, und Sie wissen, wie sehr sich
kunstfreundliche Kreise bemühen, durch Gründung billiger Theater etc. das
Publikum, zumal der breiteren Volksschichten, dem Variété zu entziehen. Ein
lobenswerter Plan, aber eine falsche Methode, ein verhängnisvoller Irrtum,
entsprungen einem Mangel an Zeitpsychologie und an Verständnis für
entwickelungsgeschichtliche Resultate! Die Zeit des Theaters ist im Ganzen
vorbei! In diesen alten Schlauch füllt nur der Unverstand neuen Wein! Nein, wie
das Theater, ehedem ein Appendix der Kirche, sich von dieser losmachte und sich
selber eine neue, damals zeitgemässe Form gab, so muss sich die Kunst heute vom
Theater emanzipieren und entschlossen die Form annehmen, für die sich der
Zeitgeschmack entschieden hat: Die Form des Variétés! Beides ist reif zum
Untergange: Das Theater, weil seine ganze Struktur zu klotzig, schwer und
unbeweglich ist für die Genäschigkeit des modernen Kunsttriebs, und das jetzige
Variété, weil es seine überaus günstige, allen Wünschen einer nervösen Zeit
gemässe Form
