 man sie in den Garderoben von Variétédivas einatmet.
    Stilpe war von Grund der Seele aus vergnügt. Wenn er einmal die Feder
weglegte, rieb er sich die Hände und pfiff vor sich hin. Ja, er murmelte sogar
zuweilen Worte erregter Befriedigung: Hop! So! Tja, tja, tja, tja! Höh! Das
reißt!
    Und doch war der erste Momus-Rausch, der Rausch der Pläne und Phantasien
vorüber, der Rausch der Tage und Nächte, als sie in täglichen Zusammenkünften
die Idee der Sängerin im Verein mit ihr genauer durchgesprochen hatten.
    Wie hatten sie da über die Zeitschrift gelacht, wie hatten sie die Sängerin
gefeiert als Retterin aus dem schlimmsten aller Tintensümpfe; wie war da Stilpe
von Tag zu Tag lebhafter, lustiger geworden.
    - Ha: Die Renaissance aller Künste und des ganzen Lebens vom Tingeltangel
her! Oh, das ingeniöse Mädchen aus Holstein! Man wird sie preisen wie eine neue
und größere Neuberin, als die moderne Muse in Person. Unter ihrem Zeichen werden
wir das neue, echte, ganze, das lachende Heidentum heraufführen mit Bocksprüngen
und höchst edlen Faltenwürfen zärtlicher Gewänder. In unserm Schlepptau wird
Alles hängen: Malerei, Poeterei, Musikerei und Alles überhaupt, was Schönheit
und geniessendes Leben will. Was ist die Kunst jetzt? Eine bunte, ein bisschen
glitzernde Spinnwebe im Winkel des Lebens. Wir wollen sie wie ein goldenes Netz
über das ganze Volk, das ganze Leben werfen. Denn zu uns, ins Tingeltangel,
werden Alle kommen, die Theater und Museen ebenso ängstlich fliehen, wie die
Kirche. Und bei uns werden sie, die bloß ein bisschen bunte Unterhaltung suchen,
das finden, was ihnen Allen fehlt: Den heiteren Geist, das Leben zu verklären,
die Kunst des Tanzes in Worten, Tönen, Farben, Linien, Bewegungen. Die nackte
Lust am Schönen, der Humor, der die Welt am Ohre nimmt, die Phantasie, die mit
den Sternen jongliert und auf des Weltgeists Schnurrbartenden Seil tanzt, die
Philosophie des harmonischen Lachens, das Jauchzen schmerzlicher Seelenbrunst, -
ah, werft mir ein paar Feigenkränze voll Worten zu, blast mir Assoziationen ein,
lasst mich in Inkohärenzen lallen, lasst mich farbige Wortflutsäulen ausnüstern,
groß wie die Wasserwürfe aus den Nasen verzückter Walfische! Wir werden ins
Leben wirken wie die Troubadours! Wir werden eine neue Kultur herbeitanzen! Wir
werden den Übermenschen auf dem Brettl gebären! Wir werden diese alberne Welt
umschmeissen! Das Unanständige werden wir zum einzig Anständigen krönen! Das
Nackte werden wir in seiner ganzen Schönheit neu aufrichten vor allem Volke!
Lustig und lüstig werden wir diese infame, moralklapprige Welt wieder machen,
lustig und himmlisch frech! Leichtsinnig soll die Bande wieder werden und soll
bauchtanzen lernen! Ah
