. Früher war man dreihundert Jahre lang ein
Schlossherr oder ein Leinenweber; jetzt kann jeder Leinenweber eines Tages ein
Schlossherr sein.«
    »Und beinah auch umgekehrt«, lachte Melusine. »Doch lassen wir dies heikle
Thema. Viel, viel lieber hör ich ein Wort von Ihnen über den Wert unsrer Lebens-
und Gesellschaftsformen, über unsre Gesamtanschauungsweise, deren besondere
Zulässigkeit Sie, wie mir scheint, so nachdrücklich anzweifeln.«
    »Nicht absolut. Wenn ich zweifle, so gelten diese Zweifel nicht so sehr den
Dingen selbst als dem Hochmass des Glaubens daran. Dass man all diese
Mittelmassdinge für etwas Besonderes und Überlegenes und deshalb, wenn's sein
kann, für etwas ewig zu Konservierendes ansieht, das ist das Schlimme. Was mal
galt, soll weiter gelten, was mal gut war, soll weiter ein Gutes oder wohl gar
ein Bestes sein. Das ist aber unmöglich, auch wenn alles, was keineswegs der
Fall ist, einer gewissen Herrlichkeitsvorstellung entspräche... Wir haben, wenn
wir rückblicken, drei große Epochen gehabt. Dessen sollen wir eingedenk sein.
Die vielleicht größte, zugleich die erste, war die unter dem Soldatenkönig. Das
war ein nicht genug zu preisender Mann, seiner Zeit wunderbar angepasst und ihr
zugleich voraus. Er hat nicht bloß das Königtum stabiliert, er hat auch, was
viel wichtiger, die Fundamente für eine neue Zeit geschaffen und an die Stelle
von Zerfahrenheit, selbstischer Vielherrschaft und Willkür Ordnung und
Gerechtigkeit gesetzt. Gerechtigkeit, das war sein bester rocher de bronce.«
    »Und dann?«
    »Und dann kam Epoche zwei. Die ließ, nach jener ersten, nicht lange mehr auf
sich warten, und das seiner Natur und seiner Geschichte nach gleich ungeniale
Land sah sich mit einem Male von Genie durchbljetzt.«
    »Muss das ein Staunen gewesen sein.«
    »Ja. Aber doch mehr draußen in der Welt als daheim. Anstaunen ist auch eine
Kunst. Es gehört etwas dazu, Großes als groß zu begreifen... Und dann kam die
dritte Zeit. Nicht groß und doch auch wieder ganz groß. Da war das arme, elende,
halb dem Untergange verfallene Land nicht von Genie, wohl aber von Begeisterung
durchleuchtet, von dem Glauben an die höhere Macht des Geistigen, des Wissens
und der Freiheit.«
    »Gut, Lorenzen. Aber weiter.«
    »Und all das, was ich da so hergezählt, umfasste zeitlich ein Jahrhundert. Da
waren wir den andern voraus, mitunter geistig und moralisch gewiss. Aber der
Non-soli-cedo-Adler mit seinem Blitzbündel in den Fängen, er blitzt nicht mehr,
und die Begeisterung ist tot. Eine rückläufige Bewegung ist da, längst
Abgestorbenes, ich muss
