 müsse.«
    Lorenzen war daran gewöhnt, sei's zu Lob, sei's zu Tadel, sich mit dem
ebenso gefeierten wie befehdeten Hofprediger in Parallele gestellt zu sehen, und
empfand dies jedesmal als eine Huldigung. Aber nicht minder empfand er dabei
regelmäßig den tiefen Unterschied, der zwischen dem großen Agitator und seiner
stillen Weise lag. »Ich glaube, Herr von Rex«, nahm er wieder das Wort, »dass Sie
den Vater der Berliner Bewegung sehr richtig geschildert haben, vielleicht sogar
zur Zufriedenheit des Geschilderten selbst, was, wie man sagt, nicht eben leicht
sein soll. Er hat viel erreicht und steht anscheinend in einem Siegeszeichen;
hüben und drüben hat er Wurzel geschlagen und sieht sich geliebt und gehuldigt,
nicht nur seitens derer, denen er mildtätig die Schuhe schneidet, sondern beinah
mehr noch im Lager derer, denen er das Leder zu den Schuhen nimmt. Er hat schon
so viele Beinamen, und der des heiligen Krispin wäre nicht der schlimmste. Viele
wird es geben, die sein Tun im guten Sinne beneiden. Aber ich fürchte, der Tag
ist nahe, wo der so Ruhige und zugleich so Mutige, der seine Ziele so weit
steckte, sich in die Enge des Daseins zurücksehnen wird. Er besitzt, wenn ich
recht berichtet bin, ein kleines Bauerngut irgendwo in Franken, und wohl
möglich, ja, mir persönlich geradezu wahrscheinlich, dass ihm an jener stillen
Stelle früher oder später ein echteres Glück erblüht, als er es jetzt hat. Es
heißt wohl: Gehet hin und lehret alle Heiden, aber schöner ist es doch, wenn die
Welt, uns suchend, an uns herankommt. Und die Welt kommt schon, wenn die
richtige Persönlichkeit sich ihr auftut. Da ist dieser Wörishofener Pfarrer - er
sucht nicht die Menschen, die Menschen suchen ihn. Und wenn sie kommen, so heilt
er sie, heilt sie mit dem Einfachsten und Natürlichsten. Übertragen Sie das vom
Äußeren aufs Innere, so haben Sie mein Ideal. Einen Brunnen graben just an der
Stelle, wo man gerade steht. Innere Mission in nächster Nähe, sei's mit dem
Alten, sei's mit etwas Neuem.«
    »Also mit dem Neuen«, sagte Woldemar und reichte seinem alten Lehrer die
Hand.
    Aber dieser antwortete: »Nicht so ganz unbedingt mit dem Neuen. Lieber mit
dem Alten, soweit es irgend geht, und mit dem Neuen nur, soweit es muss.«
Das Mahl war inzwischen vorgeschritten und bei einem Gange angelangt, der eine
Spezialität von Schloss Stechlin war und jedesmal die Bewunderung seiner Gäste:
losgelöste Krammetsvögelbrüste, mit einer dunkeln Kraftbrühe angerichtet, die,
wenn die Herbst- und Ebereschentage da waren, als eine
