 bis auf den Korridor geleitet und ihm hier den
Künstlermantel umgegeben, den er, in unverändertem Schnitt, seit seinen Romtagen
trug. Es war ein Radmantel. Dazu ein Kalabreser von Seidenfilz.
    »Er ist doch auf seine Weise nicht übel«, sagte Woldemar, als er bei den
Damen wieder eintrat. »An einem starken Selbstbewusstsein, dran er wohl leidet,
darf man heutzutage nicht Anstoß nehmen, vorausgesetzt, dass die Tatsachen es
einigermaßen rechtfertigen.«
    »Ein starkes Selbstbewusstsein ist nie gerechtfertigt«, sagte Armgard,
»Bismarck vielleicht ausgenommen. Das heißt also, in jedem Jahrhundert einer.«
    »Wonach Cujacius günstigstenfalls der zweite wäre«, lachte Woldemar. »Wie
steht es eigentlich mit ihm? Ich habe nie von ihm gehört, was aber nicht viel
besagen will, namentlich nachdem ich Millais und Millet glücklich verwechselt
habe. Nun geht alles so in einem hin. Ist er ein Mann, den ich eigentlich kennen
müsste?«
    »Das hängt ganz davon ab«, sagte Melusine, »wie Sie sich einschätzen. Haben
Sie den Ehrgeiz, nicht bloß den eigentlichen alten Giotto von Florenz zu kennen,
sondern auch all die Giottinos, die neuerdings in Ostelbien von Rittergut zu
Rittergut ziehen, um für Kunst und Christentum ein übriges zu leisten, so müssen
Sie Cujacius freilich kennen. Er hat da die große Lieferung; ist übrigens lange
nicht der Schlimmste. Selbst seine Gegner, und er hat deren ein gerüttelt und
geschüttelt Maß, gestehen ihm ein hübsches Talent zu, nur verdirbt er alles
durch seinen Dünkel. Und so hat er denn keine Freunde, trotzdem er beständig von
Richtungsgenossen spricht und auch heute wieder sprach. Gerade diese
Richtungsgenossen aber hat er aufs entschiedenste gegen sich, was übrigens nicht
bloß an ihm, sondern auch an den Genossen liegt. Gerade die, die dasselbe Ziel
verfolgen, bekämpfen sich immer am heftigsten untereinander, vor allem auf
christlichem Gebiet, auch wenn es sich nicht um christliche Dogmen, sondern bloß
um christliche Kunst handelt. Zu des Professors Lieblingswendungen zählt die,
dass er in der Tradition stehe, was ihm indessen nur Spott und Achselzucken
einträgt. Einer seiner Richtungsgenossen - als ob er mich persönlich dafür hätte
verantwortlich machen wollen - fragte mich erst neulich voll ironischer
Teilnahme: Steht denn Ihr Cujacius immer noch in der Tradition? Und als ich ihm
antwortete: Sie spötteln darüber, hat er denn aber keine?, bemerkte dieser
Spezialkollege: Gewiss hat er eine Tradition, und das ist seine eigne. Seit
fünfundvierzig Jahren malt er immer denselben Christus und bereist als Kunst-,
aber fast auch schon als Kirchenfanatiker die ihm unterstellten Provinzen, so
dass man betreffs seiner beinah sagen kann: "Es predigt sein Christus allerorten,
ist aber drum
