 Beamter war, haben alle seine
Vorgesetzten anerkannt und viel häufiger von seinem Verständnis in den
Geschäften Gebrauch gemacht, als sie ihren Vorgesetzten gegenüber laut werden
ließ. Es handelte sich in seinem Amt viel um Zahlen, und er hatte einen
hervorragenden Zahlensinn, womit, beiläufig gesagt, meistens auch ein
entsprechender Ordnungssinn verbunden ist. Beides gab ihm eine Stellung in
unserer heimischen Bürokratie, die für unser häusliches Behagen nicht immer von
dem besten Einfluss war; denn die Vorstellung, nicht studiert und es dadurch zu
etwas Besserm gebracht zu haben, verbitterte nur zu häufig nicht nur ihm,
sondern auch uns, das heißt meiner Mutter und mir, das Leben.
    Ich habe übrigens in meiner heutigen oberregierungsrätlichen Stellung
dergleichen wackere Herren gleichfalls gottlob unter mir und hole mir nicht
selten für meinen Amtsberuf nicht nur Aufklärung, sondern auch Rat von ihnen.
Das Bild meines seligen Vaters aber, mit dem zu dem Landesorden hinzugestifteten
Verdienstkreuz Erster Klasse auf der Brust, habe ich in Lebensgröße (nach seinem
Tode nach einer guten Photographie gefertigt) über meinem Schreibtische hängen
und hole mir auch von ihm heute noch Aufklärung und Rat, und nicht bloß in
meinen Geschäften, sondern im Leben überhaupt.
    Meine Mutter war eine Frau, deren höchste Lebenswünsche und Ansprüche durch
den Titel Rätin ganz und gar erfüllt wurden. Sie war eine gute Mutter und die
beste der Gattinnen, wenn das letztere vom vollständigen Aufgehen in den
Ansichten, Meinungen, Worten und Werken des Gatten abhängig ist. Sie fühlte sich
wohl in der Zucht, in welcher er sie und sein Haus hielt, und ich glaube nicht,
dass sie je einen andern Willen haben konnte als den seinigen.
    Geschwister habe ich nicht gehabt, wenigstens nicht solche, die so lange
geatmet hätten, um von Einfluss auf mein Leben zu werden. Den Ersatz hierfür
lieferte die Nachbarschaft, und zwar in ergiebigster Weise, und davon handelt
denn auch, um es hier schon kurz zu sagen, die Akte, die ich jetzt anlege. Wem
zum Besten, wer mag das sagen? Jedenfalls mir zu eigenster Seelenerleichterung
und aus tiefgefühltem Bedürfnis nach einem, nach etwas, das einen ruhig anhört,
aussprechen lässt und nicht eher dazu redet, bis das Ganze vorliegt. Dass es nicht
eine Personalakte in der wirklichsten Bedeutung dieses Wortes ist, nimmt in
meinen Augen den Aufzeichnungen nichts von ihrem Wert. -
Die Nachbarschaft! Ein Wort, das leider Gottes immer mehr Menschen zu einem
Begriff wird, in den sie sich nur mühsam und mit Aufbietung von Nachdenken und
Überdenken von allerlei behaglicher Lektüre hineinzufinden wissen. Unsereinem,
der noch eine Nachbarschaft hatte, geht immer ein Schauder über, wenn er hört
oder liest, dass wieder eine Stadt im deutschen Volk das erste Hunderttausend
ihrer Einwohnerzahl überschritten habe,
