 noch immer ähnliches zumuten kannst«. Des Meisters Stimme klang
vorwurfsvoll. Johanne fühlte ihr Herz hochschlagen vor Bewunderung für ihn. Noch
matt von der Sitzung legte sie die Feder aus der Hand und lauschte seiner
Stimme.
    »Glaub mir, Paulus« entgegnete er auf einige Worte seines Schülers, »es ist
nicht alles eins. Fleisch erweckt den Teufel in uns, Fleisch macht uns
blutgierig, erregt unsere Sinne«. - »Einmal - keinmal« hörte sie sagen.
    »Sohn, kein einziges Mal; gerade dieses eine Mal könnte der Satan benützen
-«
    Angelus rückte geräuschvoll den Stuhl zurück und ging zu den Beiden.
    Johanne wunderte sich insgeheim, dass der Meister so große Wichtigkeit auf
etwas so Geringfügiges wie das Essen legte. -
 
                                       16
Allmählich wuchs Johanne in ihre neue Stellung hinein.
    Sie lernte manches Nützliche und hörte von Vielem, das sie verblüffte, das
sie aber nicht enträtseln konnte. Sie hörte von Spiritismus, Magnetismus,
Okkultismus, Magie sprechen, ohne auch nur den geringsten Begriff von all diesen
Dingen zu haben. Mit der Zeit nahm sie sich ein Herz und fragte Johannes nach
diesem und jenem. Er erklärte ihr vieles. Er sagte ihr, dass all diese Dinge
Mittel wären, den Menschen die Blindheit zu nehmen und sie sehend zu machen. Er
sagte ihr, dass die Zeit vorüber sei, wo ein alter weissbärtiger Gott im Himmel
saß und Regen und Sonnenschein machte, dass man sich unter Gott mehr als
Menschenform denken müsse, Geist, Willensäusserung, Kraft, die nicht über den
Sternen, sondern in den Sternen regiere. Dass man Gott umso näher trete, je mehr
man sich diese Kraft zu eigen mache und den eigenen Willen sowie den der Anderen
beherrsche. Zu diesem Zweck seien all diese übersinnlichen Manipulationen, die
ihr so unbegreiflich erschienen, nötig. Später würde sie übrigens selbst alles
verstehen, selbst mitwirken in diesen Vorgängen, die sie auf eine höhere Stufe
der Vollendung brächten. Schließlich sagte er ihr noch, dass die Welt ein kaltes,
graues Loch sei, und nur unser Geist, unsere Vorstellung Leben und Gestalten in
sie hineinzaubere - unser Geist, der allmächtige Gott. Sie, mit ihrer Phantasie
und Liebe zu allem Ungewöhnlichen, war bald ganz für seine Anschauung gewonnen.
Sie war ihm grenzenlos dankbar, dass er sich ihr, dem armen, unbedeutenden
Mädchen so offenbarte und sie in seine schöne Welt hinaufzog. Sie durchschaute
nicht die große Klugheit dieser Art Menschen, die wissen, dass die kleinen Kinder
am meisten Geschrei machen, und sich deshalb zuerst an diese mit ihren Lehren
wenden. Hier, im Viertel der »Geringen«, die mit der Welt und ihren Gesetzen
unzufrieden waren, wo die Jugend mit unterdrückten Wünschen und unmöglichen
Zukunftsplänen
