 geradewegs nach Sienental zurück?
    Aber was würde ihr Vormund, der Pastor, und jeder, der sie kannte, von ihr
denken? Und was sollte sie in Sienental? Kartoffel schälen in der Küche der
alten Schlächterin? Mein Gott! War jung sein wirklich ein Glück? Was sollte sie
nur mit sich anfangen? Jetzt, da sie die ganze Schurkerei Tages kennen gelernt
hatte, glaubte sie auch nicht mehr an ihr Talent. Er hatte ihr wohl nur
eingeredet, dass sie dichterische Begabung besaß, um Macht über sie zu gewinnen
    Sie begann ihn zu durchschauen. Und das war der Mann, dessen Biographie in
allen frommen Familienblättern stand, dessen Gedichte junge Mädchen auswendig
lernten, dessen Name als einer der besten galt. Freilich, sie wussten nichts von
seiner Gemeinheit. Er sprach ja immer so edle Gedanken in seinen Gedichten aus.
Ihm galt in seinen Versen die Reinheit als das höchste Gut, die Güte gegen
Mensch und Tier (besonders gegen hübsche junge Mädchen) als erstes Gebot
Christi. Man bekam ordentlich feuchte Augen, wenn man diese lieben, kleinen,
feinen Lieder las. Umsomehr, als sie so angenehm abstachen gegen die heißen,
ungesunden Gefühlsergüsse manch anderer Dichter. Allerdings, die waren deshalb
nicht schlechter, nur - ehrlicher. Sie gaben sich, wie sie waren. In einem
glichen sich alle, die zur Fahne der Kunst schworen, besonders der Dichtkunst:
abgesehen von dem Hass und Neid, womit sie einander befehdeten, - es galt ihnen
kein Mittel als zu gering, auch kein täglicher Meinungswechsel, um zu Geld und
Ansehen zu kommen.
    Es war sehr traurig, das alles in der Nähe ansehen zu müssen und lächerlich
zu denken, dass diese »Künstler« Einfluss auf ihre Zeit und auf alle naiven,
unverdorbenen Gemüter hatten. Fort von hier, rief es in Johanne. Und doch wieder
- fort? ohne etwas, auch nur das Geringste, erreicht zu haben?
    War das nicht allzu kläglich? Gott, Gott! Sie sprang aus dem Bette und warf
sich auf die Kniee. Sie wollte beten, aber es ging nicht. Kein Tropfen Trostes
kam in ihre Seele. Mit trockenen Lippen wühlte sie sich wieder in ihre Kissen.
Ob es nicht das Beste wäre, zu sterben? Sie ließ alle Todesarten an ihrem Geiste
vorüberziehen. Sie malte sich ihre einzelnen Schrecken aus. Und doch was waren
sie im Vergleich zu diesem entsetzlichen, trostlosen Jammerleben? In einer
Verzweiflung, die an Irrsinn grenzte, verbrachte sie die halbe Nacht. Erst gegen
Morgen sank sie in unruhigen Schlaf.
    Als sie die Augen aufschlug, war es Mittag. Das Mädchen brachte ihr das
Frühstück ans Bett. »Nein, wie Sie aussehen, zehn Jahre älter« sagte
