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    Diese riesigen Mietskasernen mit ihren prunkvollen Aufgängen, ihren
Telephonen, elektrischen Beleuchtungsapparaten, Dampfheizungen, ihren
hundertartigen technischen Überraschungen, diese Mietspaläste, in denen eine
bis zur Sinnlosigkeit unruhige, hastende Menge aus- und eineilte, erschienen ihr
wie mächtige steingewordene Lügen. Früher hatte sie geglaubt, dass in schönen
Palästen glückliche Menschen wohnen müssen; nun hatte sie mehr und mehr Einblick
in das Leben erhalten. Die Füße aller dieser hinstürmenden Menschen waren
schmutzig und staubig von den Wegen, die sie wandelten. Die Kinder sahen nicht
wie Kinder aus, und die Erwachsenen besaßen alle etwas greisenhaft Blasiertes,
Erschöpftes. Auf der Straße durfte man keinen Moment langsam gehen, oder vor
einem Schaufenster stehen bleiben, ohne sich den ärgsten Insulten auszusetzen.
    In den Kirchen predigten Priester, die eher alles, als das was sie
verkündeten, zu glauben schienen. Und die Kunst? Waren die Herren Mink und
Babinsky nicht typisch für die Zustände, die da herrschten.
    »Ninive« stand als Sonnenuhr über den andern Städten des Reiches. Welche
Stunde sie in Sachen des guten Geschmacks zeigte, die galt für alle Kunstfreunde
des Landes. Wenn Herr Babinsky Herrn Mink in langen Berichten lobte und Herr
Mink Babinsky als das größte Genie pries, mussten die guten Provinzler es nicht
glauben? Und der Ehrenmann Schüler, der an der Spitze eines großen Blattes stand
und im »Brustton ehrlicher Überzeugung« seine hochherzigen, lieberalen
Gesinnungen und Ansichten in die Welt posaunte (einstweilen genügte ihm der
Gehalt, den sein Chef ihm auszahlte), stand er etwa vereinzelt da? War Wewerka
besser? Dass seine sogenannte Redakteurstellung nur ein Scheinamt war, hinter dem
er allerlei dunkle Spekulationen verbarg, mit denen er von Zeit zu Zeit irgend
einen der biederen Landwirte brav »hineinlegte«, war Johanne längst klar.
Schmutz überall, wo man anfasste.
    In manchen Augenblicken war ihr, als höre sie langes Gras um sich flüstern
und spüre frischen Wind auf ihren Wangen spielen. Aber mit ihrer angeborenen
Festigkeit - oder wars der Trotz der Jugend, die ein einmal ins Auge gefasstes
Ziel nicht lassen will - sagte sie sich: nein. Der Kurs musste hier beendet
werden; koste es, was es wolle, und wenn selbst ihr körperliches Wohlbefinden
darunter leiden sollte. Alle die Erfahrungen, die ihre kindlich reine, durch ihr
einsames Jugendleben doppelt empfindsame Seele trafen, zehrten an ihrer
Gesundheit und Kraft. Ihre Wangen wurden von Tag zu Tag blasser. Sie unterschied
sich jetzt in nichts mehr von den anderen Grossstadtmädchen, mit ihrer ärmlichen
Eleganz, ihrer zierlichen Haltung, ihren alles sehenden und sich über nichts
verwundernden Augen.
    Ihre braven, genagelten Schuhe hatte sie schon lange in die Ecke geworfen.
Sie konnte auf diesem heißen Asphaltpflaster nicht darin gehen. Sie
