 dieses Lebens in die Zeiten der Väter und Vorväter?
    Hatte Traugott Büttner nicht das Gut aus dem väterlichen Erbe erstanden
unter Bedingungen, die für ihn den Erfolg von vornherein unterbanden! War das
nicht der anfangs kaum beachtete Riss, welcher am Ende zum Zusammenbruch des
Gebäudes führte; der scheinbar unbedeutende Rechenfehler, der, von Jahr zu Jahr
weiter geführt, schließlich das Ergebnis der ganzen Rechnung falsch ausfallen
ließ! Oder hatte Leberecht Büttner, dieser vorsichtige Wirt und Mehrer des
Vermögens, etwa selbst den Grund zum Untergange des Familiengutes gelegt, als er
dessen Grenzen erweiterte, neues Land zum ererbten hinzuerwarb? Hatte er damit
vielleicht dem ganzen eine ungesunde Entwicklung, einen allzu großartigen
Zuschnitt gegeben; hätte er nicht, statt auf Erweiterung des Besitzes zu sinnen,
lieber das einmal Besessene so ertragreich wie möglich gestalten sollen? Hatte
er nicht durch diese Verrückung der Verhältnisse seinem Nachfolger eine
gefahrvolle Erbschaft hinterlassen, doppelt gefahrvoll, wenn dieser Nachfolger
ihm nicht gleichkam an Einsicht und Rührigkeit?!
    Oder lag das Versehen nicht außerhalb der Familiengeschichte überhaupt!
Waren es nicht vielmehr die Verhältnisse, die Entwicklung, der Gang der
Weltereignisse, die auch auf dieses winzige Zweiglein am großen Baum des Volkes
gewirkt hatten? Stand nicht auch dieser kleine Ausschnitt aus dem
Menschheitsganzen unter den Gesetzen des Prozesses von Werden und Vergehen, dem
das Völkerleben wie die Geschichte der Familien und des einzelnen unterworfen
sind! -
    War vielleicht jenes große Ereignis der Bauernbefreiung im Anfange des
Jahrhunderts, dessen Zeuge noch Leberecht Büttner als junger Mensch gewesen, zu
spät eingetreten? War dieser mächtige Ruck nach vorwärts nicht mehr imstande
gewesen, das Bauernvolk aus der Jahrhunderte alten Gewöhnung an
Unselbständigkeit und Knechtsseligkeit herauszureissen? Oder war die Aufhebung
der Frone zu schnell, zu unmittelbar gekommen? Hatte sie den Bauern nur
äußerlich selbständig gemacht, ohne ihm die zum Genüsse der Freiheit nötige
Erleuchtung und Vernunft gleichzeitig geben zu können? Waren die durch viele
Geschlechter grossgezogenen Laster: des Misstrauens, der Stumpfheit, der
Beschränktheit und der tierischen Roheit, doch so tief in Fleisch und Blut der
Kaste übergegangen, dass sie unausrottbar immer von neuem durchbrechen mussten und
so den Untergang des ganzen Standes herbeiführen würden? -
    Oder spannen sich die Fäden jenes Gewebes von Unrecht, Irrtum und Unglück,
die den einzelnen mit dem Ganzen ebensogut verweben, wie Rüstigkeit, Aufschwung
und Gedeihen eines Volkes segensreich das Einzelgeschick befruchten und fördern
- reichten diese unsichtbaren Wurzeln, die uns mit dem tiefstem Grunde der
Vergangenheit unseres Geschlechts verbinden, nicht noch viel viel tiefer hinab
in die Vorzeit? War der große Krieg daran schuld, der das deutsche Volk zum
Bettelmann gemacht und seinen Boden zu einer Einöde? Aber war nicht schon vor
dem großen Kriege schweres Unrecht am deutschen Bauern begangen worden? Drangsal
und Vergewaltigung, die ihm zu
