
Benno auf Eggeberg zu Besuch. Um halb ein Uhr waren wir daheim in München, um
zwei Uhr schon im Glaspalast. Tanti Gundi konnte es kaum erwarten.«
    Noch tiefer beugte die Kleesberg das Gesicht über die Stickerei. »Ich habe
viele Jahre im Stift gelebt. Und das war nach langer Zeit wieder die erste
Ausstellung, die mir zu sehen vergönnt war.«
    »Darf ich fragen, was Ihnen am besten gefiel?«
    Tante Gundi zählte die Stiche; dabei zitterte die Nadel in ihrer Hand. »Das
ist schwer zu sagen. Wir haben eine große Menge herrlicher Bilder gesehen -«
    Kitty fuhr mit einer Frage dazwischen. »War in der Ausstellung auch ein Bild
von Ihnen, Herr Forbeck?«
    »Ja.«
    »Ach, wie schade! Das müssen wir übersehen haben.«
    Gundi Kleesberg warf ihr einen missbilligenden Blick zu und sagte
entschuldigend: »Es hing wohl in einem der Säle, für die uns keine Zeit mehr
blieb. Ich bedaure wirklich -«
    Forbeck lächelte. »Da haben Sie nicht viel verloren.«
    »Na, nur nicht so bescheiden,« fiel Tassilo ein, »Ihr Bildchen ist eine
famose Arbeit. Sogar Werner war zufrieden, und das will viel sagen.«
    Die Kleesberg zerrte an dem Seidenfaden, der sich im Stoff verfangen hatte.
»Professor Werner ist Ihr Lehrer, Herr Forbeck?«
    »Ja, gnädiges Fräulein! Und sein Bild, das die Perle der Ausstellung ist,
haben Sie doch gewiss gesehen?«
    Die Antwort zögerte. »Ich glaube mich zu erinnern.«
    »Aber Tante Gundi! Wie kühl! Vor dem Bild warst du Feuer und Flamme, so
bewegt, so ergriffen! Und jetzt kannst du sagen: Ich glaube mich zu erinnern.«
    Herzlich hingen Forbecks Augen an der Kleesberg. »Ich verstehe Sie, gnädiges
Fräulein! Was man in weihevoller Stunde empfand, verschließt man wie einen
kostbaren Schatz. Es hat mir Freude gemacht, von der Wirkung zu hören, die
Werners Bild auf Sie übte. Er hat Tausende von Verehrern. Aber es ist für mich
immer ein Feiertag, wenn ich Menschen kennenlerne, die ihn ganz verstehen. Das
macht uns Werner nicht immer leicht. Nun gar dieser Spätherbst, den Sie in
München gesehen haben! Das ist für die Menge ein versiegeltes Buch. Nur ein
stilles, landschaftliches Motiv. Aber was redet aus diesen Farben!«
    Tante Gundi hatte die Arbeit sinken lassen und blickte lauschend vor sich
hin.
    »Ich hab' es an mir selbst empfunden, wie dieses Bild zu ergreifen vermag
mit seinem Ernst und seiner träumenden Schwermut. Es war eine von Werners
Lieblingsarbeiten. Er hat das Bild ohne Vorlage der Natur gemalt
