 die Stufen hinauf und reichte der Kleesberg den Arm.
    Diesen Augenblick benützte Werner, um an Tassilo die flüsternde Frage zu
richten: »Wann haben Sie meinen Brief erhalten?«
    »Zugleich mit dem Brief meiner Schwester. Wie tief sein Inhalt mich bewegte,
vermag ich Ihnen nicht zu sagen. Ich kann Ihnen auch die Gründe nachfühlen, die
Sie veranlassten, diesen verhüllten Wert Ihres Lebens vor mir zu öffnen. Ich
danke Ihnen für diesen Beweis Ihres Vertrauens. Dennoch kann ich Ihnen einen
Vorwurf nicht ersparen. Werner? Lieber Freund?« Tassilo legte die Hand auf
Werners Schulter. »Haben Sie mich so wenig kennengelernt, um in mir einen
Menschen von törichtem Vorurteil vermuten zu dürfen?«
    »Aber Doktor!« stammelte Werner. »Wie können Sie nur auf einen solchen
Gedanken kommen?«
    »Sie haben ihn mir aufgezwungen durch Ihre Sorge. Soll mir der Bräutigam
meiner Schwester minder willkommen sein, weil sein Vater nicht der im Elend
untergegangene Trunkenbold ist, dessen Namen er trägt und zu Glanz erhebt,
sondern ein Mann, den ich als Künstler verehre und als seltenen Menschen liebe?
Blut von Ihrem Blut, Werner! Das ist mir eine neue Sicherheit für das Glück
meiner Schwester.«
    Werner fasste Tassilos Hand. »Ich danke Ihnen für dieses Wort. Und billigen
Sie auch mein Verhalten gegen Hans? Dass ich mein Schweigen ihm gegenüber für
immer bewahren will?«
    »Ja, Werner! Sie bringen Ihrem Sohn ein Opfer, wie es nur die tiefe,
uneigennützige Liebe eines Vaters bringen kann. Hans liebt Sie als seinen
geistigen Vater. Er dankt Ihnen alles, Charakter, Bildung und Können. Soll er
das Recht eines Wortes mit dem Umsturz seines ganzen Innern bezahlen, mit einer
schiefen Stellung vor der Welt? Nein! Sie müssen schweigen, nicht nur ihm
zuliebe, auch aus Barmherzigkeit für eine andere! Wie stünde sie vor ihrem Sohn?
Bedrückt von Scham, belastet mit einer Tragik, die hart ans Lächerliche
streift!«
    Während dieses Gespräches waren sie über die Treppe hinaufgestiegen. Aus dem
offenen Korridor klang die Stimme der Kleesberg, die sich bei ihrem »lieben
Hans« für den »freundlichen Ritterdienst« bedankte.
    Tassilo fragte leis: »Sie hat keine Ahnung?«
    »Keine! Dass er mein Sohn ist, erriet sie auf den ersten Blick. Mehr kann sie
nicht ahnen. Wie soll sie denken, dass der eigene Vater sie belog? Dass er, um sie
von dem obskuren Tagdieb loszureißen, der mit dem Fieber kämpfenden Tochter das
herzlose Märchen vom Tod ihres Kindes vorgaukelte? Ich habe doch auch an diese
Lüge geglaubt! Noch heute wär' ich ein einsamer Mensch, wenn ich nicht die
Sehnsucht empfunden hätte, das
