 hat höchstens die Temperatur der Uhlenhorst. Sie hat nichts als
einen unerschütterlichen Glauben an Tugend und Windsor-soap.«
    »Nun meinetwegen. Aber wenn es so ist, wo kommt dann der Zank her?«
    »Der kommt doch. Er tritt nur anders auf, anders, aber nicht besser. Kein
Donnerwetter, nur kleine Worte mit dem Giftgehalt eines halben Mückenstichs,
oder aber Schweigen, Stummheit, Muffeln, das innere Düppel der Ehe, während nach
außen hin das Gesicht keine Falte schlägt. Das sind so die Formen. Und ich
fürchte, die ganze Zärtlichkeit, die wir da vor uns wandeln sehen und die sich
augenscheinlich sehr einseitig gibt, ist nichts als ein Bussetun - Otto Treibel
im Schlosshof zu Kanossa und mit Schnee unter den Füßen. Sehen Sie nun den armen
Kerl; er biegt den Kopf in einem fort nach rechts, und Helene rührt sich nicht
und kommt aus der graden Hamburger Linie nicht heraus... Aber jetzt müssen wir
schweigen. Ihr Quartett hebt eben an. Was ist es denn?«
    »Es ist das bekannte: Ich weiß nicht, was soll es bedeuten?«
    »Ah, das ist recht. Eine jederzeit wohl aufzuwerfende Frage, besonders auf
Landpartien.«
Rechts um den See hin gingen nur zwei Paare, vorauf der alte Schmidt und seine
Jugendfreundin Jenny und in einiger Entfernung hinter ihnen Leopold und Korinna.
    Schmidt hatte seiner Dame den Arm gereicht und zugleich gebeten, ihr die
Mantille tragen zu dürfen, denn es war etwas schwül unter den Bäumen. Jenny
hatte das Anerbieten auch dankbar angenommen; als sie aber wahrnahm, dass der
gute Professor den Spitzenbesatz immer nachschleppen und sich abwechselnd in
Wacholder und Heidekraut verfangen ließ, bat sie sich die Mantille wieder aus.
»Sie sind noch geradeso wie vor vierzig Jahren, lieber Schmidt. Galant, aber mit
keinem rechten Erfolge.«
    »Ja, gnädigste Frau, diese Schuld kann ich nicht von mir abwälzen, und sie
war zugleich mein Schicksal. Wenn ich mit meinen Huldigungen erfolgreicher
gewesen wäre, denken Sie, wie ganz anders sich mein Leben und auch das Ihrige
gestaltet hätte...«
    Jenny seufzte leise.
    »Ja, gnädigste Frau, dann hätten Sie das Märchen Ihres Lebens nie begonnen.
Denn alles große Glück ist ein Märchen.«
    »Alles große Glück ist ein Märchen«, wiederholte Jenny langsam und
gefühlvoll. »Wie wahr, wie schön! Und sehen Sie, Wilibald, dass das beneidete
Leben, das ich jetzt führe, meinem Ohr und meinem Herzen solche Worte versagt,
dass lange Zeiten vergehen, ehe Aussprüche von solcher poetischen Tiefe zu mir
sprechen, das ist für eine Natur, wie sie mir nun mal geworden, ein ewig
