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    »... Mich in den Schoss des Ewigen verbluten... Ja, das kenn ich, meine
Gnädigste, das hab ich damals auch nachgebetet. Aber wer sich, als es galt,
durchaus nicht verbluten wollte, das war der Herr Dichter selbst. Und so wird es
immer sein. Das kommt von den hohlen, leeren Worten und der Reimsucherei.
Glauben Sie mir, Frau Rätin, das sind überwundene Standpunkte. Der Prosa gehört
die Welt.«
    »Jeder nach seinem Geschmack, Herr Lieutenant Vogelsang«, sagte die durch
diese Worte tief verletzte Jenny. »Wenn Sie Prosa vorziehen, so kann ich Sie
daran nicht hindern. Aber mir gilt die poetische Welt, und vor allem gelten mir
auch die Formen, in denen das Poetische herkömmlich seinen Ausdruck findet. Ihm
allein verlohnt es sich zu leben. Alles ist nichtig; am nichtigsten aber ist
das, wonach alle Welt so begehrlich drängt: äusserlicher Besitz, Vermögen, Gold.
Gold ist nur Chimäre, da haben Sie den Ausspruch eines großen Mannes und
Künstlers, der, seinen Glücksgütern nach, ich spreche von Meierbeer, wohl in der
Lage war, zwischen dem Ewigen und Vergänglichen unterscheiden zu können. Ich für
meine Person verbleibe dem Ideal und werde nie darauf verzichten. Am reinsten
aber hab ich das Ideal im Liede, vor allem in dem Liede, das gesungen wird. Denn
die Musik hebt es noch in eine höhere Sphäre. Habe ich recht, lieber Krola?«
    Krola lächelte gutmütig verlegen vor sich hin, denn als Tenor und Millionär
saß er zwischen zwei Stühlen. Endlich aber nahm er seiner Freundin Hand und
sagte: »Jenny, wann hätten Sie je nicht recht gehabt?«
    Der Kommerzienrat hatte sich mittlerweile ganz der Majorin von Ziegenhals
zugewandt, deren »Hoftage« noch etwas weiter zurücklagen als die der Bomst. Ihm,
Treibel, war dies natürlich gleichgültig; denn sosehr ihm ein gewisser Glanz
passte, den das Erscheinen der Hofdamen, trotz ihrer Ausserdienststellung, seiner
Gesellschaft immer noch lieh, so stand er doch auch wieder völlig darüber, ein
Standpunkt, den ihm die beiden Damen selbst eher zum Guten als zum Schlechten
anrechneten. Namentlich die den Freuden der Tafel überaus zugeneigte Ziegenhals
nahm ihrem kommerzienrätlichen Freunde nichts übel, am wenigsten aber verdross es
sie, wenn er, außer Adels- und Geburtsfragen, allerlei Sittlichkeitsprobleme
streifte, zu deren Lösung er sich, als geborener Berliner, besonders berufen
fühlte. Die Majorin gab ihm dann einen Tipp mit dem Finger und flüsterte ihm
etwas zu, das vierzig Jahre früher bedenklich gewesen wäre, jetzt aber - beide
renommierten beständig mit ihrem Alter - nur Heiterkeit weckte. Meist waren es
harmlose Sentenzen aus Büchmann oder andere geflügelte Worte, denen
