 gegeben habe, und es war wirklich nichts
dagegen zu sagen, dass der junge Mann den höflichen Wunsch äußerte, ich möge »die
Sache angenehm verschlafen haben«.
    Das wirkliche Gewitter der Nacht hatte ich angenehm verschlafen, oder sein
Getöse hatte sich doch so sehr mit dem Rollen und Rauschen der Vergangenheit
vermischt, dass ein Unterscheiden von Traum und Wahrheit nicht möglich war. Nun
aber hatte ich, ehe der Kellner anklopfte, längere Zeit auf etwas anderes
horchen müssen, was ebenfalls in Traumbeschreibungen häufig literarisch
vorkommt: die Turmglocken der Heimatstadt. Ich hatte es sechs schlagen hören und
halb sieben und sieben. Und dabei, grade bei diesem angenehmsten wachen Liegen
und Dehnen und Strecken im Bette und dem Glockenklang dieser Stunden, war mir
ein anderes von neuem lebendig in der Seele geworden - süß und schauerig
lebendig! Die Stunde nämlich, in welcher man in der Schule zu sein hatte - im
Sommer um sieben, im Winter um acht und, von mir ganz abgesehen, Stopfkuchen
schändlicherweise auch! Stopfkuchen! Er, den »der ganze Quark gar nichts anging,
wenigstens ein beträchtliches weniger als den ganzen übrigen Kötus zusammen«.
    Er fragte wahrhaftig gar nichts danach, was »die Leute« (er meinte die
Herren Lehrer) wussten und lächerrlicherweise ihm mitzuteilen wünschten. Er war
ganz gut so, wie er war, und kurz und gut, es war eine Niederträchtigkeit, im
Sommer um sieben und im Winter um acht »dasein« zu müssen, um sich doch nur mit
völliger Verachtung strafen zu lassen, da »alles andere doch nichts half«.
    Stopfkuchen! Wahrlich nicht der Kirchenglocken wegen (obgleich er auch den
Versuch gemacht hatte, Theologie zu studieren), sondern einzig und allein der
Turmuhr halber stieg er mir nun so hell wie Störzer in der Seele empor, mein
Freund Stopfkuchen, mein anderer Kindheits-, Feld-, Wald- und Wiesenfreund
Stopfkuchen, den ich nur dann seinen Schritt etwas beschleunigen sah, wenn ihn
der alte Konrektor mit der Haselnussgerte im Kreise nicht um die Welt, sondern um
die schwarze Schultafel und die ungelöste matematische Aufgabe jagte.
    Ja, zu unserer Zeit kriegte man noch die Prügel, die einem gebührten... Gott
sei Dank! - »Stopfkuchen« nannten wir ihn auf der Schule. Eigentlich hieß er
Heinrich Schaumann und war das einzige Kind so dürrer, eingeschrumpfelter,
zaunkönighaft-nervös-lebendiger Eltern, dass die in der Stadt nicht unrecht zu
haben schienen, die da behaupteten, er habe in einem Kuckucksei gelegen und sei
schändlich doloser Weise dem Herrn Registrator und der Frau Registratorin
Schaumann ins Nest geschoben worden. Wie dem auch sein mochte: sie hatten ihn
herangefüttert und ihm zu-und in den Schnabel getragen, was
