
der Begriff der Ehre auch eine Wandlung erfahren: einmal wird eine erhaltene
Injurie, wenn sie unverdient ist, nicht auf den Empfänger, sondern auf den rohen
Geber als Schmach zurückfallen; zweitens wird das Selbsträcheramt auch in Sachen
der Ehre ebenso außer Gebrauch kommen, wie in kultivierter Gesellschaft die
Selbstjustiz in anderen Dingen tatsächlich schon verschwunden ist. Bis dahin -
    »Da können wir lange warten,« unterbrach mein Vater. »So lange es überhaupt
Edelleute gibt -«
    »Das muss auch nicht immer sein,« meinte der Doktor.
    »Oho, Sie wollen gar den Adel abschaffen, Sie Radikaler?« rief mein Vater.
    »Den feudalen allerdings. Edelleute braucht die Zukunft keine.«
    »Desto mehr Edelmenschen,« bekräftigte Friedrich.
    »Und diese neue Gattung wird Ohrfeigen einstecken?«
    »Sie wird vor allem keine austeilen.«
    »Und sich nicht verteidigen, wenn der Nachbarstaat einen kriegerischen
Einfall macht?«
    »Es wird keine einfallenden Nachbarstaaten geben - ebensowenig als jetzt
unsere Landsitze von feindlichen Nachbarburgen umgeben sind. Und wie der heutige
Schlossherr keinen Tross bewaffneter Knappen mehr braucht -«
    »So soll der Zukunftsstaat des bewaffneten Heeres entraten können? Was wird
dann aus Euch Oberstlieutenants?«
    »Was ist aus den Knappen geworden?«
    So hatte sich der alte Streit wieder einmal entsponnen und derselbe wurde
noch eine Zeit lang fortgesetzt Ich hing mit Entzücken an Friedrichs Lippen; es
tat mir unsäglich wohl, die Sache erhöhter Gesittung von ihm so fest und sicher
vertreten zu sehen, und im Geiste verlieh ich ihm selber den Titel, den er
vorhin genannt hatte: »Edelmensch«!
 
                                  Drittes Buch
                                      1864
Wir blieben noch vierzehn Tage in Wien. Es war aber keine fröhliche Urlaubszeit
für mich. Dieses fatale »Krieg in Sicht«, welches nunmehr alle Zeitungen und
alle Gespräche ausfüllte, benahm mir jede Lebensfreudigkeit. So oft mir etwas
von den Dingen einfiel, aus welchen mein Glück zusammengesetzt war - vor allem
der Besitz eines täglich teurer werdenden Gatten -, so oft musste ich auch an die
Unsicherheit denken, an die unmittelbare Gefahr, welche der in Aussicht stehende
Krieg über mein Glück verhängte. Ich konnte desselben, wie man zu sagen pflegt,
»nicht froh werden«. Der Zufälligkeiten von Krankheit und Tod, von Feuersbrunst
und Überschwemmungen - kurz, der Natur- und Elementardrohungen gibt es genug;
aber man hat sich gewöhnt, nicht mehr daran zu denken, und lebt trotz dieser
Gefahren in einem gewissen Stabilitätsbewusstsein. Doch wozu haben die Menschen
sich auch noch willkürlich selbst verhängte Gefahren geschaffen, und so den
ohnehin vulkanischen Boden, auf den ihr Erdenglück gebaut ist, noch eigenmächtig
und mutwillig in künstliches Schwanken versetzt! Zwar haben sich die Leute daran
gewöhnt, auch den
