 denn einige unserer liebsten
geistigen Ausflüge waren nach dem Firmament gerichtet. Wir lasen nämlich
miteinander wissenschaftliche Werke und unterrichteten uns über die Wunder des
Weltalls. Da durchstreiften wir die Tiefen des Erdballs und die Höhen der
Himmelsräume; da drangen wir in die Geheimnisse der mikroskopisch unendlichen
Kleinheiten und der teleskopisch unendlichen Fernen, und je größer die Welt vor
unseren Blicken sich entfaltete, in desto winzigere Dimensionen schrumpfte der
Olmützer Interessenkreis ein. Unsere Lektüren beschränkten sich nicht auf
Naturkunde allein, sondern umfassten noch viele andere Zweige der Forschung und
des Gedankens. So nahm ich unter anderem zum drittenmal meinen geliebten Buckle
vor, um Friedrich mit diesem Autor bekannt zu machen, den er dann ebensosehr
bewunderte, wie ich; dabei vernachlässigten wir auch die Dichter und
Romanschriftsteller nicht, und so gestalteten sich unsere gemeinschaftlichen
Leseabende zu wahren Festen des Geistes - während unsere übrige Existenz
eigentlich ein ununterbrochenes Fest des Herzens war. Täglich gewannen wir uns
lieber; was die Leidenschaft an Feuer einbüsste, das gewann die Zuneigung an
Innigkeit, die Achtung an Festigkeit. Das Verhältnis zwischen Friedrich und
Rudolf war der Gegenstand meines Entzückens. Die beiden waren die besten
Kameraden der Welt, und sie miteinander spielen zu sehen, war köstlich.
Friedrich war dabei von den zweien beinah der kindischere. Natürlich mischte ich
mich sofort auch in die Partie, und was da für Dummheiten getrieben und geredet
wurden, das mögen uns die Weisen und Gelehrten verzeihen, deren Werke wir lasen
- wenn Rudolf zu Bett gebracht war. Zwar behauptete Friedrich, dass er von Hause
aus kein besonderer Kinderfreund sei; aber einmal war der Kleine seiner Marta
Sohn, und zweitens war er wirklich lieb und herzig und schmiegte sich seinem
Stiefvater gar so zärtlich an. Wir machten häufig Pläne über die Zukunft des
Knaben. Soldat? ... Nein. Dazu würde er nicht taugen, denn in unserem
Erziehungsplan würde die Drillung zur Kriegsruhmliebe keinen Platz finden.
Diplomat! Vielleicht. Am wahrscheinlichsten aber Landwirt. Als künftiger Erbe
des Dotzkyschen Majorats, welches ihm von dem nunmehr sechsundsechzigjährigen
Onkel Arnos einst zufallen musste, würde es ihm Berufs genug sein, seine
Besitzungen rationell zu verwalten. Dann sollte er seine kleine Braut Beatrix
heimführen und ein glücklicher Mensch werden. Wir waren selber so glücklich, dass
wir gern für die ganze Mitwelt, und für die künftigen Geschlechter obendrein,
Schätze von Lebensfreude hätten gesichert sehen wollen ... Dennoch verschloss
sich unsere Einsicht dem Elend nicht, unter welchem der größte Teil der
Menschheit seufzt und wohl noch durch manche Generation wird seufzen müssen:
Armut, Unwissenheit, Unfreiheit - so vielen Gefahren und Übeln ausgesetzt -
unter diesen Übeln das fürchterlichste: der Krieg. »Ach, wenn man beitragen
könnte, es abzuwälzen!« Dieser seufzende Wunsch entrang sich oft
