 dass ich es verstehe. Doch eins
wurde mir auch schon damals klar: die Geschichte der Menschheit wird nicht - wie
dies die alte Auffassung war - durch die Könige und Staatsmänner, durch die
Kriege und Traktate bestimmt, welche der Ehrgeiz der einen und die Schlauheit
der anderen ins Leben rufen, sondern durch die allmähliche Entwicklung der
Intelligenz. Die Hof- und Schlachtenchroniken, welche in den Historienbüchern an
einander gereiht sind, stellen einzelne Erscheinungen der jeweiligen
Kulturzustände vor, nicht aber deren bewegende Ursachen. Von der
altergebrachten Bewunderung, mit welcher andere Geschichtsschreiber die
Lebensläufe gewaltiger Eroberer und Länderverwüster zu erzählen pflegen, konnte
ich in Buckle gar nichts finden. Im Gegenteil, er führt den Nachweis, dass das
Ansehen des Kriegerstandes im umgekehrten Verhältnis zu der Kulturhöhe eines
Volkes steht: - je tiefer in der barbarischen Vergangenheit zurück, desto
häufiger die gegenseitige Bekriegung und desto enger die Grenzen des Friedens:
Provinz gegen Provinz, Stadt gegen Stadt, Familie gegen Familie. Er betont, dass
im Fortschritt der Gesellschaft, mehr noch als der Krieg selber, die Liebe zum
Kriege im Schwinden begriffen sei. Das war mir aus der Seele gesprochen. Sogar
in meinem kurzen Innenleben war diese Verminderung vor sich gegangen; und wenn
ich oft diese Regung als etwas Feiges, Unwürdiges unterdrückt hatte, glaubend,
dass ich allein mich solchen Frevels schuldig mache, so erkannte ich jetzt, dass
dies bei mir nur der schwache Widerhall des Zeitgeistes war; dass Gelehrte und
Denker, wie dieser englische Geschichtsschreiber, dass unzählige Menschen mit
ihm, die einstige Kriegsvergötterung verloren hatten, welche - wie sie eine
Phase meiner Kindheit gewesen - in diesem Buche auch als eine Phase aus der
Kindheit der Gesellschaft dargestellt war.
    Somit hatte ich in Buckles Geschichtswerke eigentlich das Gegenteil von dem
gefunden, was ich gesucht. Dennoch empfand ich diesen Fund als einen Gewinn -
ich fühlte mich dadurch gehoben, geklärt, beruhigt. Einmal versuchte ich mit
meinem Vater über diese neugewonnenen Gesichtspunkte zu reden - aber vergebens.
Auf den Berg hinauf wollte er mir nicht folgen - das heißt er wollte das Buch
nicht lesen - also war es aussichtslos, mit ihm von Dingen zu reden, die man nur
von dort oben aus wahrnehmen konnte.
    Nun folgte das Jahr - zweite Phase -, da die Trauer in Melancholie
übergegangen war. Jetzt las und studierte ich noch fleißiger. Das erste Werk
Buckles hatte mir Geschmack am Nachdenken gegeben und die Freuden eines
erweiterten Weltausblickes kosten gemacht. Davon wollte ich nun noch immer mehr
und mehr genießen, und so ließ ich diesem Buche noch viele andere, im gleichen
Geist verfasste, folgen. Und das Interesse, die Genüsse, welche ich in diesen
Studien fand, trugen dazu bei, die dritte Phase eintreten - nämlich die
