Mit Gottes Hilfe für das Vaterland«. Das klingt mir nicht eben neu -
ich muss ähnlichem schon in anderen Proklamationen begegnet sein. Es verfehlt
eben seine Wirkung nicht: die Leute sind begeistert. Jetzt heißt es, Paris in
eine Festung umwandeln.
    Paris Festung? Ich kann den Gedanken nicht fassen. Die Stadt, welche Victor
Hugo »la villelumière« genannt, welche der Anziehungspunkt der ganzen
civilisierten, reichen, Kunst- und Lebensgenuss suchenden Welt ist, der
Ausgangspunkt des Glanzes, der Mode, des Geistes - diese Stadt will sich nun
»befestigen«, das heißt sich zum Zielpunkt feindlicher Angriffe, zur Scheibe der
Beschiessung machen, sich allem Verkehr abschließen und sich der Gefahr aussetzen
in Brand geschossen oder ausgehungert zu werden? Und das tun diese Leute »de
gaité de coeur«, mit Opfermut, mit Freudeneifer, als gelte es die Vollbringung
des nützlichsten, edelsten Werkes? Mit fieberhafter Hast wird an die Arbeit
geschritten. Es müssen Wälle für Aufstellung von Mannschaften gebaut werden und
Schiessscharten eingeschnitten; ferner vor den Toren Graben ausgehoben,
Zugbrücken angelegt, Deckwerke neu errichtet, Kanäle überbrückt und mit
Brustwehren angeschüttet, Pulvermagazine gebaut, und auf der Seine eine
Flottille von Kanonenbooten aufgestellt werden. Welches Fieber von Tätigkeit,
welcher Aufwand von Anstrengung und Fleiß; welche riesige Kosten von Arbeit und
Geld! Wie das Alles, für Werke der Gemeinnützigkeit verwendet, erfreulich und
erhebend wäre - aber für den Zweck der Schadenzufügung, der Vernichtung - welche
nicht einmal Selbstzweck, sondern strategischer Schachzug ist - es ist
unfasslich!
    Um einer voraussichtlich langen Belagerung widerstehen zu können,
verproviantiert sich die Stadt. Bis jetzt - allen Erfahrungen gemäß - hat es
noch keine uneinnehmbaren Festungen gegeben; die Kapitulation ist stets nur eine
Frage der Zeit. Und immer wieder werden Festungen errichtet, immer wieder werden
sie mit Vorräten versehen, trotz der mathematischen Unmöglichkeit, sich auf die
Dauer vor Aushungerung zu schützen.
    Die getroffenen Maßregeln sind großartig. Es werden Mühlen eingerichtet und
Viehparks angelegt, aber schließlich muss der Augenblick doch kommen, wo das Korn
ausgeht und das Fleisch verzehrt ist. Aber so weit denkt man nicht; bis dahin
ist der Feind über die Grenze zurückgedrängt oder im Land vernichtet. Der
vaterländischen Armee schließt sich ja das ganze Volk an. Alles meldet sich zum
Dienst oder wird dazu herangezogen; so werden zur Besatzung von Paris sämtliche
Feuerwehrleute des Landes berufen. In der Provinz mag es unterdessen brennen -
was liegt daran? So kleine Unglücksfälle verschwinden, wo es sich um ein
National-»desastre« handelt. Am 17. August sind schon 60 000 Pompiers in die
Hauptstadt eingerückt. Auch die Matrosen werden einberufen, und täglich bilden
sich neue Truppenkörper unter verschiedenen Namen: volontaires, éclaireurs,
franctireurs
