 dreißig bis vierzig Jahren, welche der Nationalgarde noch nicht
angehören, derselben sofort einverleibt werden müssen. Es bildet sich ein
Ministerium der Landesverteidigung. Die bewilligte Kriegsanleihe von fünfhundert
wird auf tausend Millionen erhöht. Ganz herzerfrischend ist es, wie opferfähig
die Leute über das Geld und das Leben der Anderen stets verfügen. Eine kleine
finanzielle Unannehmlichkeit macht sich dem Publikum zwar sogleich fühlbar: wenn
man Banknoten wechseln will, muss man dem Wechsler zehn Prozent zahlen - es ist
nicht so viel Gold vorhanden, als die Bank von Frankreich Noten ausgeben darf.
    Und jetzt, deutscherseits Sieg auf Sieg ...
    Die Physiognomie der Stadt Paris und ihrer Einwohner verändert sich. Statt
der stolzen, prahlerischen kampfesfrohen Laune tritt Bestürzung und grimmiger
Zorn ein. Immer mehr verbreitet sich das Gefühl, dass eine Vandalenhorde über das
Land niedergegangen - etwas Schreckhaftes, Unerhörtes, wie etwa eine
Heuschreckenwolke oder sonst eine Naturplage. Dass sie mit ihrer Kriegserklärung
diese Plage selber heraufbeschworen, dass sie dieselbe für unerlässlich hielten, -
damit ja nicht etwa ein Hohenzollern in ferner Zukunft auf die Idee kommen
könne, um den spanischen Thron zu werben - das hatten sie vergessen. Über den
Feind kommen entsetzliche Märchen in Umlauf. »Die Ulanen, die Ulanen«: das hat
einen phantastisch-dämonischen Klang, beinahe als hieße es »das wilde Heer«. In
der Einbildung der Leute nimmt diese Truppengattung ein teuflisches Wesen an. Wo
immer von der deutschen Kavallerie ein kühner Streich ausgeführt wird, wird er
den Ulanen zugeschrieben - eine Art Halbmenschen, ohne Sold, darauf angewiesen,
von Beute zu leben. Neben den Schauergerüchten entstehen aber auch wieder
Triumpfgerüchte. Das Erfolgvorlügen gehört mit zu den Chauvinistenpflichten.
Natürlich: der Mut muss aufrecht erhalten werden. Das Gebot der Wahrhaftigkeit -
wie so viele andere Sittengebote - verliert seine Gültigkeit im Kriege. Aus der
Zeitung Le Volontaire diktierte mir Friedrich folgende Stelle für meine roten
Hefte:
    »Bis zum 16. August haben die Deutschen schon 144 000 Mann verloren, der
    Rest ist dem Verhungern nahe. Aus Deutschland ziehen die letzten Reserven
    herbei, »la landwehr et la landsturm«; alte Männer von 60 Jahren mit
    Feuersteingewehren, an der rechten Seite eine ungeheure Tabaksdose, an der
    linken eine noch größere Schnapsflasche, im Munde eine lange tönerne
    Pfeife; keuchend unter der Last des Tornisters, auf welchem die Kaffeemühle
    und in welchem der Fliedertee nicht fehlen darf, ziehen sie hustend und
    sich schneuzend vom rechten an das linke Rheinufer, Diejenigen verfluchend,
    welche sie den Umarmungen ihrer Enkel entrissen haben, um sie dem sicheren
    Tode entgegen zu führen.« - »Was die deutscherseits gebrachten
    Siegesnachrichten anbelangt - so sind dies die bekannten preußischen Lügen.«
Am 20. August verkündet Graf Palikao in der Kammer
