 Kultur, mit dem so ausgedehnten Wissen, auf so hoher Stufe
    der Entwickelung, auf der wir angelangt zu sein glauben - wir besitzen
    Schulen, wo man lernt zu töten - auf recht große Entfernung zu töten, eine
    recht große Anzahl auf einmal.
        ... Das Wunderbare ist, dass die Völker sich dagegen nicht erheben, dass
        die ganze Gesellschaft nicht revoltiert bei dem bloßen Worte Krieg.
        Jeder, der regiert, ist ebenso verpflichtet, den Krieg zu vermeiden, wie
        ein Schiffskapitän verpflichtet ist, den Schiffbruch zu vermeiden. Wenn
        ein Kapitän sein Schiff verloren hat, wird er vor ein Gericht gestellt
        und verurteilt, falls man erkennt, dass er sich Nachlässigkeit zu
        schulden kommen ließ. Warum wird die Regierung nach jedem erklärten
        Kriege nicht gerichtet? Wenn die Völker das verständen, wenn sie sich
        weigerten, ohne Grund sich töten zu lassen - dann wäre es mit dem Kriege
        aus.«
Und Erneste Renan ließ sich also vernehmen:
    »Ist es nicht herzzerreissend, zu denken, dass Alles, was wir Männer der
    Wissenschaft in fünfzig Jahren aufzubauen bestrebt waren, mit einem Schlage
    zusammengestürzt ist: die Sympatien zwischen Volk und Volk, das
    gegenseitige Verständnis, das fruchtbare Zusammenarbeiten. Wie tötet ein
    solcher Krieg die Wahrheitsliebe! Welche Lüge, welche Verleumdung des einen
    Volkes wird nun nicht aufs Neue in den nächsten fünfzig Jahren von dem
    anderen mit Begierde geglaubt werden und sie für unabsehbare Zeiten
    voneinander trennen! Welche Verzögerung des europäischen Fortschrittes! In
    hundert Jahren werden wir nicht wieder aufrichten können, was diese Menschen
    an einem Tage heruntergerissen haben.«
Ich hatte auch Gelegenheit einen Brief zu lesen, den Gustave Flaubert in jenen
ersten Julitagen, als eben der Krieg ausgebrochen war, an George Sand
geschrieben hat. Hier ist er:
    »Ich bin verzweifelt über die Dummheit meiner Landsleute. Die
    unverbesserliche Barbarei der Menschheit erfüllt mich mit tiefer Trauer.
    Dieser Enthusiasmus, der von keiner Idee beseelt ist, macht, dass ich sterben
    möchte, um ihn nicht mehr zu sehen. Der gute Franzose will sich schlagen: 1)
    weil er sich durch Preußen herausgefordert glaubt; 2) weil der natürliche
    Zustand des Menschen die Wildheit ist; 3) weil der Krieg ein mystisches
    Element in sich hat, das die Menschen fortreisst. Sind wir wieder zu den
    Rassenkämpfen gekommen? Ich fürchte es ... Die schrecklichen Schlachten, die
    sich vorbereiten, haben nicht einmal einen Vorwand für sich. Es ist die
    Lust, sich zu schlagen, um sich zu schlagen. Ich beklage die gesprengten
    Brücken und Tunnels. Alle diese menschliche Arbeit, die verloren geht! Sie
    haben gesehen, dass ein Herr in der Kammer die Plünderung des Grossherzogtums
    Baden vorgeschlagen hat. Ach, dass ich nicht bei den Beduinen sein
