 sicher sind - die Professoren, die Politiker, die
Bierhauskannegiesser - der Chor der Greise, wie im Faust. Nach dem Verlust der
Sicherheit wird dieser Chor verstummen. Ferner: wenn nicht nur jene dem
Militärdienst sich widmen, die ihn lieben und loben, sondern auch alle jene
zwangsweise dazu herangezogen werden, die ihn verabscheuen, so muss dieser
Abscheu zur Geltung kommen. Dichter, Denker, Menschenfreunde, sanfte Leute,
furchtsame Leute: alle diese werden von ihrem Standpunkte aus das aufgezwungene
Handwerk verdammen!«
    »Sie werden diese Gesinnung aber wohlweislich verschweigen, um nicht für
feige zu gelten - um sich höheren Orts nicht der Ungnade auszusetzen.«
    »Schweigen? Nicht immer. So wie ich rede - obwohl ich selber lange
geschwiegen habe - so werden die Anderen auch mit der Sprache herausrücken. Wenn
die Gesinnung reift, wird sie zum Wort. Ich einzelner bin vierzig Jahre alt
geworden, bis meine Überzeugung die Kraft gewann, sich im Ausdruck Luft zu
machen. Und so wie ich zwei oder drei Jahrzehnte gebraucht - so werden die
Massen vielleicht zwei oder drei Generationen gebrauchen, aber reden werden sie
endlich doch.«
Neujahr 67!
    Wir feierten Sylvester ganz allein, mein Friedrich und ich. Als es zwölf Uhr
schlug:
    »Erinnerst Du Dich des Trinkspruches,« fragte ich seufzend, »den mein armer
Vater voriges Jahr um diese Stunde ausgebracht? Ich wage es gar nicht, Dir jetzt
Glück zu wünschen - die Zukunft birgt mitunter so unerwartet Fürchterliches in
ihrem Schoss und noch kein Mensch hat solches abzuwenden vermocht ...«
    »So benutzen wir die Jahreswende, Marta, um, statt vorauszudenken,
zurückzuschauen in das eben verflossene Jahr. Was hast Du, meine arme, tapfere
Frau da Alles leiden müssen! So viele Deiner Lieben begraben ... und jene
Schreckenstage auf den böhmischen Schlachtfeldern -«
    »Ich bedauere nicht, die dortigen Greuel gesehen zu haben - wenigstens kann
ich nunmehr mit der ganzen Kraft meiner Seele an Deinen Bestrebungen
teilnehmen.«
    »Wir müssen Deinen - unseren Rudolf dazu erziehen, diese Bestrebungen weiter
durchzuführen; in seiner Zeit wird vielleicht ein sichtbares Ziel am Horizont
aufsteigen - in unserer schwerlich. - Wie die Leute auf den Straßen lärmen - die
bejubeln doch wieder das neue Jahr, trotz der Leiden, welche ihnen das - ebenso
eingejubelte - alte gebracht. O diese vergesslichen Menschen!«
    Schilt sie nicht zu sehr ob dieser Vergesslichkeit, Friedrich. Mir fängt auch
schon an, das vergangene Leid wie traumhaft aus dem Gedächtnis zu entflattern
und was ich gegenwärtig empfinde, ist das Glück der Gegenwart, das Glück, Dich
zu haben, Einziger! Ich glaube auch - wir wollen zwar nicht von der Zukunft
sprechen - aber ich glaube,
