 war es namentlich ein Zweig der
Rechtswissenschaft, nämlich das Völkerrecht, dem sich Friedrich ganz besonders
zu widmen vornahm. Er beabsichtigte, fern von allen utopistischen und sentimalen
Theorien, die praktische, die reale Seite des Völkerfriedens zu untersuchen.
Durch die Lektüre Buckles - zu welcher ich ihm den Anstoß gegeben - durch die
Bekanntmachung mit den neuesten naturwissenschaftlichen Errungenschaften, welche
ihm durch die Bücher Darwins, Büchners und Anderer geoffenbart worden, hatte
sich ihm die Überzeugung erschlossen, dass die Welt einer neuen Erkenntnisphase
entgegen geht; und diese Erkenntnis in möglichster Fülle sich anzueignen, das
schien, ihm nunmehr - neben den Freuden der Häuslichkeit - Lebensinhalt genug.
    Mein Vater, der von unseren Absichten vorläufig nichts wusste, machte ganz
andere Zukunftspläne für uns:
    »Du wirst jetzt ein junger Oberst sein, Tilling, und in zehn Jahren bist Du
sicher General. Bis dahin wird schon wieder ein Krieg ausbrechen und Du kannst
das Kommando eines ganzen Armeekorps - oder, wer weiß? die Würde eines
Generalissimus erlangen, und es wird Dir vielleicht das große Glück beschieden,
Österreichs Waffen wieder zu ihrem vollen - momentan verdunkelten - Glanz zu
verhelfen. Wenn wir einmal das Zündnadelgewehr, oder vielleicht noch ein
wirksameres System eingeführt haben, dann werden wir die Herren Preußen schon
drunter kriegen.«
    »Wer weiß,« meinte ich, »vielleicht wird die Feindschaft mit Preußen
aufhören, vielleicht schließen wir einst mit ihnen ein Bündnis -«
    Mein Vater zuckte die Achseln:
    »Wenn nur Frauen nicht über Politik reden wollten!« sagte er verächtlich.
»Nach dem Vorgefallenen müssen wir die Übermütigen züchtigen, wir müssen den
anektierten (so nennen sie's - ich sage »geraubten«) Staaten wieder zu ihrem
zertretenen Recht verhelfen, das erfordert unsere Ehre und das Interesse unserer
europäischen Machtstellung. Freundschaft - Allianz mit diesen Frevlern?
Nimmermehr. Außer sie kämen demütig gekrochen.«
    »In diesem Fall,« bemerkte Friedrich, »würde man wohl den Fuß auf ihren
Nacken setzen; Bündnisse sucht und schließt man nur mit Jenen, die einem
imponieren, oder die gegen einen gemeinschaftlichen Feind Schutz leisten können.
In der Staatskunst ist Egoismus das oberste Prinzip.«
    »Nun ja,« gab mein Vater zurück, »wenn das ego Vaterland heißt, so ist
solchem Egoismus doch alles Andere unterzuordnen, so ist doch Alles erlaubt und
geboten, was dem Interesse dieses Ichs dienlich erscheint.«
    »Es ist nur zu wünschen,« entgegnete Friedrich, »dass im Verkehr der
Gemeinwesen dieselbe erhöhte Gesittung erlangt werde, welche im Verkehr der
Einzelnen den rohen, faustrechtlichen Ich-Kultus verdrängt hat, und die Einsicht
immer mehr Platz greife, dass die eigenen Interessen auch ohne Schädigung der
fremden, vielmehr im Verein mit
