 Überhaupt konnte ich nicht recht verstehen, warum -
da Venetien doch schon abgetreten war - warum diese Seeschlachten überhaupt noch
geliefert wurden. Aber so viel ist gewiss, über das Ereignis brach - nicht nur
bei meinem Vater - sondern in allen Wiener Blättern, der hellste Jubel aus. Der
Ruhm eines kriegerischen Sieges ist etwas durch Jahrtausende lange Tradition zu
solcher Größe Aufgebauschtes, dass auf die Kunde eines solchen für das ganze Volk
ein Stolzanteil entfällt. Wenn irgendwo ein vaterländischer General einen
fremden General geschlagen hat, so wird jedem einzelnen Angehörigen des
betreffenden Staates gratuliert, und da jeder hört, dass sich alle anderen freuen
- was allerdings erfreulich ist - so freut sich schließlich in der Tat ein
jeder. »Heerdengefühle« würde das Friedrich genannt haben.
    Ein anderes politisches Ereignis jener Tage war, dass sich Österreich nunmehr
dem Genfer Vertrage anschloss:
    »Nun - bist Du jetzt zufrieden?« fragte mein Vater, als er diese Nachricht
gelesen; - »siehst Du ein, dass der Krieg, den Du immer eine Barbarei nennst, mit
der fortschreitenden Zivilisation immer humaner wird? Ich bin ja auch für das
menschliche Kriegführen: den Verwundeten gebührt die sorgfältigste Pflege und
alle mögliche Erleichterung ... Schon aus strategischen Gründen, welche
schließlich in Kriegssachen doch das Wichtigste sind; durch eine gehörige
Behandlung der Kranken können sehr viele in kurzer Zeit wieder kampffähig und in
die Reihen zurück versetzt werden.«
    »Du hast recht, Papa: wieder brauchbares Material - das ist die Hauptsache
... Aber nach den Dingen, die ich gesehen, kann kein rotes Kreuz ausreichen -
und hätte es zehnmal mehr Leute und Mittel, - um das Elend abzuwehren, welches
eine Schlacht im Gefolge hat -«
    »Abwehren freilich nicht, aber mildern. Was sich nicht verhüten lässt, muss
man eben zu mildern trachten.«
    »Die Erfahrung lehrt, dass eine ausreichende Milderung nicht möglich ist. Ich
wollte daher, der Satz würde umgekehrt: Was sich nicht mildern lässt, soll man
verhüten!«
    Es fing bei mir an, eine fixe Idee zu werden: Die Kriege müssen aufhören.
Und jeder Mensch muss beitragen, was er nur immer kann, auf dass die Menschheit
diesem Ziele - sei's auch nur 1/1000 Linie - näher rücke. Die Bilder wurde ich
nicht mehr los, die ich da oben in Böhmen geschaut. Besonders des Nachts, wenn
ich aus festem Schlafe auffuhr, fühlte ich jenes wunde Weh im Herzen, und
zugleich im Gewissen eine Pflichtmahnung - als erteilte mir jemand den Befehl:
»Verhindere, verhüte, duld' es nicht!« Erst wenn ich vollends wach geworden und
mich besann, was ich war, kam mir die Einsicht meiner Ohnmacht: Was soll denn
