 abmarschierenden Truppen; und die in
loyalstem und patriotisch glühendstem Tone gehaltenen Leitartikel und
öffentlichen Reden; dieser ewige Appell an Tugend, Ehre, Pflicht, Mut,
Aufopferung; diese sich gegenseitig gemachten Versicherungen, dass man die
bekannt unüberwindlichste, tapferste, zu hoher Machtausdehnung bestimmte, beste
und edelste Nation sei: alles dies verbreitet eine heroische Atmosphäre, welche
die ganze Bevölkerung mit Stolz erfüllt und in jedem Einzelnen die Meinung
hervorruft, er sei ein großer Bürger einer großen Zeit.
    Schlechte Eigenschaften, als da sind: Eroberungsgier, Rauflust, Hass,
Grausamkeit, Tücke - werden wohl auch als vorhanden und als im Kriege sich
offenbarend zugegeben, aber allemal nur beim »Feind«. Dessen Schlechtigkeit
liegt am Tage. Ganz abgesehen von der politischen Unvermeidlichkeit des eben
unternommenen Feldzuges, sowie abgesehen von den daraus unzweifelhaft
erwachsenden patriotischen Vorteilen, ist die Besiegung des Gegners ein
moralisches Werk, eine vom Genius der Kultur ausgeführte Züchtigung.... Diese
Italiener - welches faule, falsche, sinnliche, leichtsinnige, eitle Volk! Und
dieser Louis Napoleon - welcher Ausbund von Ehrsucht und Intriguengeist! Als
sein am 29. April publiziertes Kriegsmanifest erschien, mit dem Motto: »Freies
Italien bis zum adriatischen Meer« - rief das einen Sturm der Entrüstung bei uns
hervor! Ich erlaubte mir eine schwache Bemerkung, dass dies eigentlich eine
uneigennützige und schöne Idee sei, welche für italienische Patrioten
begeisternd wirken müsse; aber ich ward schnell zum Schweigen gebracht. An dem
Dogma »Louis Napoleon ist ein Bösewicht«, durfte, so lange er »der Feind« war,
nicht gerüttelt werden; Alles, was von ihm ausging, war von vornherein
»bösewichterisch«. Noch ein leiser Zweifel stieg in mir auf. In allen
geschichtlichen Kriegsberichten hatte ich die Sympatie und die Bewunderung der
Erzähler immer für diejenige Partei ausgedrückt gefunden, welche einem fremden
Joche sich entringen wollte und welche für die Freiheit kämpfte. Zwar wusste ich
mir weder über den Begriff »Joch« noch über den so überschwänglich besungenen
Begriff »Freiheit« einen rechten Bescheid zu geben, aber so viel schien mir doch
klar: die Jochabschüttelungs- und Freiheitsbestrebung lag diesmal nicht auf
österreichischer, sondern auf italienischer Seite. Aber auch für diese
schüchtern gedachten und noch schüchterner ausgedrückten Skrupel wurde ich
niedergedonnert. Da hatte ich Unselige wieder an einem sakrosankten Grundsatz
gerührt, nämlich dass unsere Regierung - d.h. diejenige, unter welcher man
zufällig geboren worden - niemals ein Joch, sondern nur einen Segen abgeben
könne; dass die von »uns« sich losreißen Wollenden nicht Freiheitskämpen, sondern
einfach Rebellen sind, und dass überhaupt und unter allen Umständen »wir« allemal
und überall in unserm vollen Rechte sind.
    In den ersten Maitagen - es waren kalte, regnerische
