 vorwerfen, aber die von der Tante vorgebrachte Beschuldigung
war wohl berechtigt.
    »Ja, mein Kind,« fuhr sie fort, »im Glück und im Wohlsein vergessen die
Leute leicht ihren Heiland - wenn aber Krankheit oder Todesgefahr über uns und,
mehr noch, über unsere Lieben, hereinbricht, wenn wir niedergeschlagen und in
Kümmernis sind -«
    In diesem Tone wäre es noch lange fortgegangen, aber da wurde die Türe
aufgerissen und mein Vater stürzte herein!
    »Hurrah, jetzt geht's los!« lautete seine Begrüßung »Sie wollen Prügel
haben, die Katzelmacher? So sollen sie Prügel haben - sollen sie haben!«
Das war nun eine aufgeregte Zeit. Der Krieg »ist ausgebrochen«. Man vergisst, dass
es zwei Haufen Menschen sind, die miteinander raufen gehen, und fasst das
Ereignis so auf, als wäre es ein erhabenes, waltendes Drittes, dessen »Ausbruch«
die beiden Haufen zum Raufen zwingt. Die ganze Verantwortung fällt auf diese
außerhalb des Einzelwillens liegende Macht, welche ihrerseits nur die Erfüllung
der bestimmten Völkerschicksale herbeigeführt. Das ist so die dunkle und
ehrfürchtige Auffassung, welche die meisten Menschen vom Kriege haben und welche
auch die meine war. Von einer Revolte meines Gefühls gegen das Kriegführen
überhaupt, war keine Rede; nur darunter litt ich, dass mein geliebter Mann
hinauszuziehen hätte in die Gefahr, und ich in Einsamkeit und Bangen
zurückzubleiben. Ich kramte alle meine alten Eindrücke aus der Zeit der
Geschichtsstudien hervor, um mich an dem Bewusstsein zu stärken und zu
begeistern, dass die höchste Menschenpflicht es war, die meinen Teuren abberief,
und dass ihm hierdurch die Möglichkeit geboten würde, sich mit Ruhm und Ehren zu
bedecken. Jetzt lebte ich ja mitten drin in einer Geschichtsepoche: das war auch
ein eigentümlich erhebender Gedanke. Weil von Herodot und Tacitus an bis zu den
modernen Historikern herab die Kriege stets als die wichtigsten und
folgenschwersten Ereignisse dargestellt worden, so meinte ich, dass auch
gegenwärtig ein solches - künftigen Geschichtsschreibern als
Abschnittsüberschrift dienendes Weltereignis im Gange war.
    Diese gehobene, wichtigkeitsüberströmende Stimmung war übrigens die
allgemeine herrschende. Man sprach von nichts Anderem in den Salons und auf den
Gassen; las von nichts Anderem in den Zeitungen, betete für nichts Anderes in
den Kirchen: wo man hinkam, überall dieselben aufgeregten Gesichter und die
gleichen lebhaften Besprechungen der Kriegseventualitäten. Alles Übrige, was
sonst das Interesse der Leute wach hält: Theater, Geschäfte, Kunst -, das wurde
jetzt als ganz nebensächlich betrachtet. Es war einem zu Mute, als hätte man gar
kein Recht, an etwas Anderes zu denken, während dieser große
Weltschicksalsauftritt sich abspielte. Und die verschiedenen Armeebefehle mit
den bekannten siegesbewussten und ruhmverheissenden Phrasen; und die unter
klingendem Spiel und wehenden Standarten
