 im entferntesten daran, Österreich
anzugreifen, aber durch des letzteren Rüstungen sei es gezwungen, sich auf
Angriff gefasst zu machen.
    So wird der zweistimmige Wechselgesang unausgesetzt fortgeführt:
Meine Rüstung ist die defensive,
Deine Rüstung ist die offensive,
Ich muss rüsten, weil du rüstest,
Weil du rüstest, rüste ich,
Also rüsten wir,
Rüsten wir nur immer zu.
Die Zeitungen geben die Orchesterbegleitung zu diesem Duo ab. Die Leitartikler
schwelgen in sogenannter Konjekturalpolitik. Es wird geschürt, gehetzt,
geprahlt, verleumdet. Geschichtswerke über den siebenjährigen Krieg werden
veröffentlicht, mit der ausgesprochenen Tendenz, die einstige Feindschaft
aufzufrischen.
    Indessen, der Notenwechsel dauert fort. Unterm 7. April leugnet Österreich
nochmals offiziell seine Rüstungen, spielt aber auf eine mündliche Äußerung an,
welche Bismarck gegen Károlyi gemacht hätte, »dass man sich über den Gasteiner
Vertrag leicht hinwegsetzen werde.« - Also davon sollen die Völkerschicksale
abhängen, was zwei Herren Diplomaten in mehr oder minder guter Laune über
Verträge sprechen? Und was sind das überhaupt für Verträge, deren Einhalten von
dem guten Willen der Kontrahenten abhängig bleibt und durch keine höhere
schiedsrichterliche Gewalt gesichert wird?
    Auf diese Note antwortet Preußen unterm 15. April, dass die Anschuldigung
unwahr sei; es müsse aber dabei beharren, dass Österreich wirklich an den Grenzen
gerüstet habe; dadurch sei die eigene Gegenrüstung gerechtfertigt. Ist es
Österreich mit dem Nichtangreifen Ernst, so solle es zuerst abrüsten.
    Hierauf das wiener Kabinett: Wir wollen am 23. dss. abrüsten, wenn Preußen
verspricht, am folgenden Tage dasselbe zu tun.
    Preußen erklärt sich bereit.
    Welch ein Aufatmen! So wird denn trotz aller drohenden Anzeichen der Friede
erhalten bleiben! Diese Wendung verzeichnete ich freudig in die roten Hefte.
    Aber zu früh. Neue Verwickelungen stellen sich ein. Österreich erklärt, es
könne nur im Norden, nicht aber zugleich im Süden abrüsten, denn dort sei es von
Italien bedroht.
    Darauf Preußen: Wenn Österreich nicht ganz abrüstet, so wollen wir auch
gerüstet bleiben.
    Jetzt lässt sich Italien vernehmen: Es wäre ihm nicht im entferntesten
eingefallen, Österreich anzugreifen, aber nach dessen letzter Erklärung werde es
allerdings Gegenrüstungen machen.
    Und so wird das hübsche Defensivlied nunmehr dreistimmig gesungen.
    Ich lasse mich von dieser Melodie wieder einigermaßen in Ruhe lullen. Nach
solchen lauten und wiederholten Versicherungen kann doch keiner angreifen, und
ohne dass einer angreife, gibt es keinen Krieg. Das Prinzip, dass nur noch
Verteidigungskriege gerecht seien, hat sich schon so sehr des öffentlichen
Bewusstseins bemächtigt, dass doch keine Regierung mehr einen Einfall in das
Nachbarland unternehmen darf; und wenn sich nur lauter Verteidiger
gegenüberstehen, so können dieselben, so drohend sie auch bewaffnet, so fest sie
auch entschlossen seien, sich bis aufs Messer
