 Gefahr auszusetzen,« bemerkte
Tante Marie, welche diesem Gespräche beiwohnte; »sie vergisst aber, dass, wenn es
einem bestimmt ist, zu sterben, ihn dieses Los ebensogut im Bett als im Krieg
ereilt.«
    »Also, wenn in einem Kriege hunderttausend Menschen zu grunde gegangen sind,
so wären dieselben auch im Frieden verunglückt?«
    Tante Marie war um eine Antwort nicht verlegen.
    »Diese Hunderttausend waren dann eben bestimmt, im Krieg zu sterben.«
    »Wenn aber die Menschen so gescheit wären, keinen solchen mehr zu beginnen?«
warf ich ein.
    »Das ist aber eine Unmöglichkeit,« rief mein Vater, und damit war das
Gespräch wieder auf eine Kontroverse gebracht, welche er und ich des öfteren -
und zwar stets in denselben Geleisen - zu führen pflegten. Auf der einen Seite
die gleichen Behauptungen und Gründe, auf der anderen die gleichen
Gegenbehauptungen und Gegengründe. Es gibt nichts, worauf die Fabel der Hydra so
gut passt, wie auf das Ungetüm: stehende Meinung. Kaum hat man ihm so einen
Argumentenkopf abgeschlagen und macht sich daran, den zweiten folgen zu lassen,
so ist der erste schon wieder nachgewachsen.
    Da hatte mein Vater so ein paar Lieblingsbeweise zu Gunsten des Krieges, die
nicht umzubringen waren.
1. Kriege sind von Gott - dem Herrn der Heerscharen - selber eingesetzt, siehe
    die heilige Schrift.
2. Es hat immer welche gegeben, folglich wird es auch immer welche geben.
3. Die Menschheit würde sich ohne diese gelegentliche Dezimierung zu stark
    vermehren.
4. Der dauernde Friede erschlafft, verweichlicht, hat - wie stehendes
    Sumpfwasser - Fäulnis, nämlich den Verfall der Sitten zur Folge.
5. Zur Betätigung der Selbstaufopferung, des Heldenmuts, kurz zur
    Charakterstählung sind Kriege das beste Mittel.
6. Die Menschen werden immer streiten, volle Übereinstimmung in allen Ansprüchen
    ist unmöglich - verschiedene Interessen müssen stets aneinanderstossen,
    folglich ewiger Friede ein Widersinn.
Keiner dieser Sätze, namentlich keins der darin entaltenen »folglich« lässt sich
stichhaltig behaupten, wenn man ihm zu Leibe rückt. Aber jeder dient dem
Verteidiger als Verschanzung, wenn er die anderen fallen lassen musste. Und
während die neue Verschanzung fällt, hat sich die alte wieder aufgerichtet.
    Zum Beispiel wenn der Kriegskämpe, in die Enge getrieben, nicht mehr im
stande ist, Nr. 4 aufrecht zu erhalten und zugeben muss, dass der Friedenszustand
menschenwürdiger, beglückender, kulturfördernder sei als der Krieg, so sagt er:
    Nun ja, ein Übel ist der Krieg schon, aber unvermeidlich, denn: Nr. 1 und 2.
    Zeigt man nun, dass er vermieden werden könnte, durch Staatenbund,
Schiedsgerichte u.s.w., so heißt es:
    Nun
