 kriechen, um die Brosamen nicht zu verlieren, die man ihm bewilligt
hatte - und die man ihm Jahre lang so gern und so freudig gab!
    Aber die Stunde, da dieses Zusammenleben mit dem Buchstabendogma der
Kirchenlehrer, dieses Erkaltenmüssen in den toten Schnee- und Eis- und
Gletscherregionen der galvanisirten Antike Ciceros und Vergils aufhörte, sie kam
doch. Und nun sprang das Tor auf - und der Mulus lief wie wahnsinnig vor Freude
im ostwindverkühlten Sonnenschein der jungen Märztage herum ... und dachte nicht
daran, dass er doch eigentlich verdammt wenig Aussicht besäße, ein
rechtschaffenes Burschenleben auf der Universität führen zu dürfen. Der
Glückliche, der mit Patent entlassene Sträfling, dachte nicht daran, dass in
naher Zukunft ein neuer Wermutskelch wieder einmal - nicht an ihm vorübergehen
würde - dass er noch Jahre ... noch drei, vier Jahre lang ärmlich und erbärmlich
wie die bewusste Kirchenmaus würde leben müssen - und die ganze Fülle der Kräfte,
die in ihm rang und stritt und nach Ausbruch und Betätigung lechzte, würde
entweder verleugnen, eindämmen, einsargen, »kaltstellen«, ersticken oder - in
ein Strombett lenken müssen, das seinen Lauf nach dem an materieller Ausbeute
gewiss reicheren Meere des »praktischen« Lebens nimmt ...
    Und die Stunden, Wochen, Monate und Jahre kamen und gingen - und Adam Mensch
durchlebte sie: ein Sklave seiner Armut und ein Freier zugleich. Die große
Flut des Lebens umbrandete ihn. Aber er hatte kaum einen Platz an der Tafel
dieses Lebens. Durch Erteilen von Privatunterricht verdiente er sich
notdürftig die paar Kreuzer, die dazu gehörten, um ihn überhaupt über Wasser zu
erhalten. Manchmal, wenn es ihm gar zu heiß in der Brust wurde, sprang er mitten
ins Leben hinein und spielte trotzig va banque. Dann staunte er wohl auch dieses
so bunte, so verwickelte Leben an, und es dünkte ihn bisweilen gar nicht so
schwer, Fuß in ihm zu fassen und auf all das tausendfältig Kleine und Besondere,
das sich nun plötzlich vor ihm aufrollte, liebevoll einzugehen. In Stunden des
Taumels riss er ein verlorenes Weib an seine Menschenbrust und lachte und
schwelgte und weinte mit der Armut und mit der Schmach. Sein philologisches
Brotstudium betrieb er mit bedeutendem Eifer: war es doch, beim Styx! der
einzige Weg, der ihn hinaufführen konnte in die Bergsiedeleien der geistig und
leiblich »Vornehmen«, der »Bildungsidealisten«! Mitunter machte er Schulden, und
die Docentenhonorare ließ er sich mit liebenswürdiger Bereitwilligkeit stunden.
Er versuchte wohl auch die buntscheckige Sammlung seiner Talente: er schrieb
Leitartikel für Zeitungen, machte Gelegenheitsgedichte, die ihm manchmal einige
Mark eintrugen, verbrach Recensionen philosophischer Werke für akademische
»Organe« und hielt in studentischen Vereinen Vorträge über culturgeschichtliche
Temata
