 mit Lydia und Hedwig beschäftigte.
Er warf sich diese Gleichgültigkeit, diese Kälte selbst vor. Aber es gelang ihm
doch nicht, über sie hinauszukommen. Oefter fiel ihm wohl dieses oder jenes
Moment ein, das sich neulich bei dem Souper zwischen Lydia und ihm abgespielt,
das sich bei seinem letzten Zusammentreffen mit Hedwig ereignet - aber er musste
im Grunde mehr souverän darüber lächeln, als dass ihm diese Erinnerung ein
gewisses Behagen bereitete. Unmittelbar mit den Weibern in Berührung gebracht;
durch eine zugespitzt, überdies vielleicht noch etwas aussergewöhnliche
Situation angeregt, konnte er leicht aufflammen, leicht aus sich herausgehen,
seine Natur in ihrer eigenwilligen Art sich äußern lassen. Aber für sich haften,
für sich garantiren konnte er nicht. Sobald er aus dem Zwange der besonderen
Stunde wieder herausgetretreten, und sobald die nächsten Nachwirkungen vorüber,
kehrte er unwillkürlich wieder sehr intim zu sich zurück, lebte er sich sehr
nachdrücklich wieder in seine eigene Welt hinein. Er dachte und sprach ja schon
in einem Jargon, der ganz schließlich nur ihm selber verständlich war, er
gebrauchte Ausdrücke, Bilder, Gedankenverbindungen, operirte mit Anschauungen,
die an innerer Bedeutung und selbständigem Curswert entschieden verlieren
mussten, wenn sie zu der glatten, abgetragenen, abgeschabten Sprache der
Außenwelt in Beziehung gebracht würden.
    Eines Abends hatte sich Adam von einer stilleren, flüssigeren Stimmung in
Beschlag nehmen lassen. Stunden eines klaren, kräftigen Denkens waren
vorhergegangen. Eine gewisse, nicht gerade ganz triviale Zukunftshoffnung war in
seiner Seele emporgewachsen. Und wenn es wahr ist, hatte sich Adam schließlich
gesagt, dass es ein Wesensmoment des »Modernen« ist, sich zuerst in gewaltigen,
äußeren Fortschritten, in Errungenschaften mehr technischer Natur, darzustellen,
so wird zweifellos dieser Zeit wieder einmal eine Zeit der Verinnerlichung
folgen. Das Patologische und Psychopatische unserer Tage wird sich in der
Zukunft zum normal Psychischen umwachsen. Man wird eine große Fülle von
Vorurteilen und veralteten Anschauungen zusammenschlagen, wenn die Erkenntnisse
der Psychophysik erst Gemeingut größerer Massen geworden sind. Die »Mystik« ist
eines Tages vielleicht eine ganz gerechtfertigte Wissenschaft. Denken und Tun,
Urteil und Handlung werden im Geiste einer humaneren Auffassung der Dinge,
einer toleranteren Anschauung der Welt und ihrer Verhältnisse ausgeübt werden.
Nüchterner vielleicht wird diese Menschheit der Zukunft sein, aber wohl auch
massvoller, aber wohl auch - »gerechter«. Der blutige »Kampf ums Dasein«, dieses
Ringen um Leben und Tod unserer Tage, wird gemildert und gesänftigt werden.
Erkennen, Ergründen psychischer Gesetze: das ist die Hauptaufgabe der modernen
Forschung. Das Neue ist dabei, sich seine Formen zu schaffen, sich sein Nest zu
bauen. Wütende, satanische Stürme werden an diesem Neste noch herumzausen. Aber
alle Stürme wird es überdauern. Und einmal wird die Zeit
