 und dieser Geist ist morsch und krank
und brüchig. Verzichten wir! Leben wir uns aus! Auch so wirken wir, wenn es denn
einmal »gewirkt« sein muss - wirken nach natürlichen Gesetzen ... und wenn wir
bloß unsere Kleider abtragen und unsere Sohlen ablaufen ... Der Schlag bedingt
den Gegenschlag. Aber das soll uns kein Trost sein, soll unser etwa mahnendes
»Gewissen« nicht beruhigen. Vielleicht müssen wir uns für das große
Zukunftsereigniss aufsparen, unter dem die Erde in Krämpfen erbeben, in
fanatischen Zuckungen sich schütteln wird. Wir sind so gut wie ausgehöhlt. Durch
Leidenschaften gebrochen, denen wir uns ergeben haben, weil wir nicht wussten,
wie wir besser unsere Zeit todtschlagen sollten. Wir waren ratlos geworden,
weil wir erkannt, dass unsere Ideale Illusionen gewesen. Eine jede Brust hatte
den Kampf gegen die Konvenienz, gegen die Tradition gekämpft ... wir hatten
nicht gesiegt, aber haben auch nicht verloren. Nun unterliegen wir, weil wir uns
haben zu alt werden lassen, um den physiologischen Einflüssen des Alten noch
entrinnen zu können. Wir prunken wohl auch ein Wenig mit unseren Schmerzen und
noch mehr mit unserer Kraft: brechen, stürzen zu können, energisch sein zu
können. Auch jetzt spielen wir noch Komödie. Aber wir wissen doch jetzt zugleich
sehr gut, dass wir darauf verzichten mussten, unsere besten Kräfte intakt erhalten
zu können, unsere intensivsten Ausstrahlungen wirken zu lassen. Wir trugen den
Himmel, das ganze All in der Brust, aber wir bedürfen einer Generation, der sich
die Sterne verhüllen, damit sie auf Erden nicht stolpere. Wir werden von der
abkühlenden Zeit früher oder später gezwungen, unseren Frieden mit der Welt zu
schließen. Aber wir sind doch unterlegen. Wir haben wirken müssen, und Pflichten
haben wir erfüllt, obwohl es einmal eine Zeit gegeben hat, wo wir keine Pflicht
anerkennen zu dürfen geglaubt. Wir haben scheinbar gehandelt und doch immer nur
gelitten. Wir waren Genies im Denken, Fühlen, Entwerfen, Träumen, Dulden. Nun
werden die Talente der Tat kommen, weil sie kommen müssen. Eigentlich bedauern
wir sie. Denn wir verstehen sie auch, sie, die für uns kein Verständnis mehr
besitzen werden. Vielleicht beneiden wir sie doch ein Wenig. Denn sie atmen in
einer reineren Luft, und ein gesünderes Blut rollt durch ihren Leib.
    Diese Gedanken und Betrachtungen, diese mehr oder weniger gültigen und
richtigen Bruchstücksresultate waren zu dieser Frist auf- und niedergestiegen in
Adam. Ungeläufig konnten sie ihm allerdings kaum sein. Er hatte sie, zumeist
schon in seiner kleinen Schrift »Das Proletariat des Geistes,« an der er ab und
zu einige Seiten schrieb, ausgesprochen.
    Merkwürdig, wie wenig er sich eigentlich
