, die
Bildhauerei höher als die Musik, die Luft nötiger als Wasser. Die
Verschiedenheit der Dinge gibt noch keine verschiedene Rangordnung. Jeder steht
vollfähig und unentbehrlich an seinem Platz. Aber dass nur nicht die Plätze
verwechselt werden! Daraus entsteht Unheil.«
    Joachim, der mit wachsendem Staunen den Äußerungen der Frau zuhörte, die er
für emanzipirt gehalten, rief hier: »Aber Sie, verehrte Frau, Sie beweisen doch
durch Ihr eigenes Leben, dass eine Frau ganz den Platz eines Mannes ausfüllen
kann!«
    Fanny, die gerade mit dem Fingerhut eine Naht auf dem Tisch glatt strich,
sah auf und über den Tisch zu ihm hin.
    »Beweisen? Ich?« sagte sie. »Gott bewahre, ich will nichts beweisen. Ich
lebe so, wie meine Individualität es heischt, ich erfülle meine Pflichten,
zwischen denen freilich manche sind, die sonst der Hausherr trägt; aber meine
Kräfte reichen.«
    »Aber wenn Förster lebte, was hätten Sie dann bei minderer Beschäftigung mit
dem Überschuss Ihrer Fähigkeiten angefangen?« fragte Graf Taiss, der im Grunde
von Fannys Ansichten entzückt war und nur für seine augenblicklichen Zwecke gern
ein teilweises Zugeständnis vernommen hätte.
    »Ich weiß nicht. Hoffentlich wäre ich so gescheit gewesen, mir in der
Armenpflege und in der Ausübung meines bisschen Maltalentes Beschäftigung zu
machen. Sicherlich ist das Leben von Frauen, die mehr Leistungsfähigkeit haben,
als ihre Stellung in ihrem besonderen Dasein von ihnen fordert, immer ein
gefahrvolles. Wenn sie durch Selbsterziehung oder durch einen liebevollen Gatten
dahin geleitet werden, ihren Pflichtenkreis gesund zu erweitern, sind sie
gerettet, andernfalls liefern sie einen starken Bruchteil zu den unverstandenen
und somit auf abschüssigen Pfaden wandelnden Frauen. Gehen die Fähigkeiten aber
sehr weit ins Männliche hinüber - die Natur liebte zu allen Zeiten solche
Spielarten - so muss die Frau eben ihren Ausnahmeweg gehen. Aber glauben Sie mir,
die George Elliot, die Angelika Kauffmann, George Sand, Maria Teresia, und wie
die großen Frauen auf den verschiedenen Gebieten heißen, entbehrten das stille,
reine Glück des Weibes. Sie hatten auch das Glück, aber es trug das Antlitz
einer Sphinx, es hatte glühende, drohende Augen und ein bitteres Lächeln um den
Mund.«
    Fanny war erregt geworden, und eine leichte Blässe lag über ihrem Gesicht.
    »Das rechte Glück kommt nur durch Glauben und Demut,« murmelte die Pastorin,
auf Severina blickend, die mit großen Augen und gespannten Mienen zuhörte.
    »Auch wird jede Frau,« fuhr Fanny, zum Ausgangspunkt des Gesprächs
zurückkehrend, fort, »wenn sie durch Verhältnisse gezwungen und durch Anlage
befähigt ist, aus der Stille des Hauses herauszutreten, immer zuletzt irgendwo
scheitern, und zwar nicht an Mangel von Verstand,
