 betrachten das Gemälde kritisch.
    »Welche Öde würde mein Leben sein,« sprach sie endlich langsam, »wenn ich
mir nicht einen Kreis, einen weiten Kreis von Pflichten zurecht gemacht hätte!
Gott sei Dank, in mir liegen keine Kräfte brach, ich lebe ein gesundes,
arbeitsames Leben.« Und heiterer setzte sie rasch hinzu: »Aber dass Du nicht
denkst, ich bin eine sentimentale Närrin, voll Welt-, respektive
Nächstenbeglückungsduselei. Weißt Du, für Heidenkinder in Afrika stricke ich
keine Socken, und wenn irgendwo in Spanien oder Italien ein Unglück passiert,
bleibt mein Herz zwar nicht kalt, aber meine Börse zu. Dafür aber gibt's in
meinem Dorfe keine Not und kein Leid außer dem, was der Tod schafft. Ich meine
immer, man solle mit seinen Händen nicht weiter greifen wollen, als die Länge
der Arme erlaubt.«
    In Adrienne ging etwas Seltsames vor. Sie umarmte Fanny heftig und rief:
    »Ich beneide Dich!«
    »Um Gottes willen,« sagte Fanny erschreckt, »mich! Und weshalb? Mich, die
sich erst künstlich schaffen muss, was Du vom Schicksal schon empfingst: liebe
Pflichten!? Du hast ein Kind, einen Gatten und obenein einen klugen, guten.«
    »Aber Du brauchst Dich nicht bevormunden zu lassen, Du kennst das Leben, die
Welt, Du bist frei,« rief die junge Frau voll Leidenschaft.
    »Nun,« antwortete die andere, »Du wirst mein Leben kennen lernen und mir
erst später sagen, ob Du es mir neidest. Denn Dich zu holen, ist der einzige
Zweck meiner Reise. Jetzt komm ins Freie. Nur zuvor einen Blick in die
Kinderstube.«
    In der Kinderstube besah Fanny sich den kleinen Joachim und meinte, ob man
von ihr erwarte, dass sie ihn hübsch fände, andernfalls würde sie sich die
Freiheit nehmen, zu sagen, er sähe ebenso aus wie alle Babies von sechzehn
Wochen.
    Dann fuhren sie zusammen denselben Weg, den Adrienne vor einigen Stunden in
düsterer Stimmung gemacht. Wie anders war ihr jetzt zu Mute: an der Seite einer
Frau, die eine sorglose Heiterkeit entweder wirklich besaß oder doch mit
unendlicher Anmut zur Schau trug, in einem bequemen Wagen an den Fussgängern
vorbei, mit denen sie vorhin selbst im Staube gewandert, in der Gewissheit, ein
feines Diner mit interessanten Gesprächen zu genießen. Selbstverständlich beging
Adrienne den Irrtum, diesen ganzen Wechsel dem Umstand zuzuschreiben, dass Fanny
als reiche Frau sich jede Stunde angenehm machen könne. Aber wenigstens
verführte diese Betrachtung sie heute nicht zum Neid.
    Oben auf der Höhe von Düsternbrook liegt die Seebadeanstalt Bellevue; der
Blick beherrscht von hier aus die Bucht, die Fortifikationen und weit draußen
