 hatte ihre Kräfte nicht vergraben, sondern ihr Pfund redlich
verwaltet. Ihr Geschick hatte sie auf hervorragenden Platz gestellt, und sie
hatte bewiesen, dass auch eine Frau die Aufgaben erfüllen kann, die sonst das
Leben an Männer stellt.
    Und nun fiel sie doch dem gemeinen Frauenlos zum Opfer. Es war einmal so in
der Welt und blieb unabänderlich: bis an die Zähne bewaffnet kämpft Geschlecht
gegen Geschlecht, und es ist die geheimnisvolle Laune der Natur, dass sie in
diesem Kampf den Mann Sieger bleiben lässt. Einerlei, ob das Weib klüger, besser,
nützlicher, wichtiger auf ihrem Platz ist als der Alltagsmann, dem sie
unterliegt, sie unterliegt, bloß weil sie Weib ist, er siegt, bloß weil er Mann
ist.
    Eine Vision erstand vor Fannys Auge. Es war ihr, als stehe ein Cherub vor
ihr, der in einer Wagschale ihr Dasein gegen das Joachims abwog. In ihre Schale
fielen alle Dankestränen, die man über ihrer arbeitsamen, segenspendenden Hand
geweint, all ihr nützliches Wirken im Umkreis ihrer Pflichten, alle die
selbstlosen Freundestaten, die sie an den Ihrigen getan, und all das deckte
ganz die eine Schwäche ihres rasch und urteilslos entflammt gewesenen Herzens
zu, und ihre Schale neigte sich schwergewichtig, die andere Schale aber flog
leicht in die Höhe - nein, sie beide konnten nicht zusammen gewogen werden.
    Tränen verdunkelten Fannys Augen. »Muss es denn sein?« fragte sie sich in
stummer Qual, »muss ich denn unterliegen, bloß weil ich ein Weib bin?« Es regte
sich etwas in ihr - etwas, das nach Befreiung, nach Erhebung schrie; etwas, das
sich wild dagegen empörte, dem Mann den Sieg zu lassen; etwas, das ihr zuraunte,
sie kämpfe für ihr Geschlecht, wenn sie für sich kämpfe.
    Ihr Herz klopfte. Unvermittelt, wie ein Blitzstrahl, fiel ein Licht in
Fannys Seele. Ein unnennbarer Stolz dehnte ihr ganzes Bewusstsein. Eine neue
Kraft kam über sie - die Kraft, würdig zu leiden.
    Sie fühlte, dass Joachim sich innerlich ganz von ihr gelöst hatte und dass sie
nicht aufhören könne, ihn zu lieben, aber die Würde haben müsse, ihr Leben nicht
unter das seine zu stellen.
    Ihr Auge haftete wieder auf dem Geliebten, ruhig, groß, erhaben.
    Die Predigt war zu Ende, Joachim und sein Weib knieten auf der Schwelle des
Altars nieder, um den Segen zu empfangen.
    Dann erklang die Orgel, und die hellen Knabenstimmen sangen vom Chor
hernieder.
    Über Fannys Angesicht lag ein Schein von unirdischer Größe. Sie sah dem
Sonnenstrahl zu, der auf Joachims blondem Haupte lag; und als Joachim sich
wieder erhob und ergriffen, doch in diesem Augenblick tief ergriffen, sich
