 schottischen Regentag. Ein Fremder, den sie
mit Güte überschütten, wird sich im Leben nicht wohl bei ihnen fühlen. Sie
finden es nicht comfortabel, ihre Bildung zum Besten zu geben, und jammern
lieber über das Wetter, natürlich ein unerschöpflicher Unterhaltungsstoff.
    Geiz (Armut!), Trunkenheit (Klima!), Pharisäismus (Kirche!) mag man hier
als häufige Fehler finden, Frömmigkeit und Biedersinn als häufigere Vorzüge,
tiefen Sinn für Natur, Freiheit und Poesie als allgemeines Erbgut. Wie den
Griechen und Italienern der Sinn für äußere menschliche Schönheit angeboren, wie
die deutsche Race mit besonderer Empfänglichkeit für Musik begabt scheint, so
mag man die ganze britische Nation getrost als das Volk der Poesie bezeichnen.
Diese nordischen Stämme brachten mit sich die germanische Empfänglichkeit für
freie Natur, noch verstärkt durch ihr Leben als Jäger und Krieger. Abgeschlossen
von der übrigen Welt durch ihre insulare Stellung, bildete sich eine
beschränkte, aber achtungswerte Vaterlandsliebe in ihnen aus. Die langen Fehden
der Schotten und Angeln begeisterten sie für kriegerischen Ruhm, und die
Normannen brachten ihnen den Cultus der Chevalerie. Heine wundert sich
affecktirt, dass die Engländer den Shakespeare hervorbrachten. Das wirklich
Wunderbare wäre, wenn irgend ein anderes Volk ihn hervorgebracht hätte, oder
wenn die Schotten nicht ihren Scott und Burns besässen. Und wie stolz sind sie
auf diese Zwei! Man wundere sich noch, dass die Briten im Durchschnitt die
größten Dichter erzeugten! Kunst geht erstens nach Brot und zweitens nach Ruhm
d.h. bei Lebzeiten. Der Nachruhm freilich - wir Deutschen sind sehr freigebig
mit diesem wertvollen Artikel. Aber da ist noch ein Unterschied zwischen der
gähnenden Goethe-Pfafferei und der innigen herzlichen Liebe der Schotten für
ihre Dichter. Der echte Scotchman hat drei hauptsächliche Gedanken: Kirche,
Hochland und Sir Walter. Unsere Kirche, unsere Natur, unser Poet sind doch die
besten!
    Es scheint charakteristisch, dass sie zwei Landstriche »Sir Walters Land« und
»Burns' Land« benennen. Trotz allem Traphic und Kommon Sense blieben die Briten
doch sicher naiver, natürlicher, poetischer und entusiastischer, als die Leute
auf dem Kontinent.
    Kirkcaldy hat eine geräumige Kirche und will natürlich eine größere
bauen.»Kirchenbauen« scheint eine Epidemie in Grossbritannien. Der Klergyman gilt
für einen der besten Prediger in Midlotian und ist ein gebildeter Mann, der
lange Zeit in Berlin Theologie studierte und schlechtes Deutsch spricht, was
viel sagen will für einen Briten. Übrigens steht die gute Stadt in einem
gewissen Zusammenhang mit deutscher Sprache und Literatur, auch durch Seehandel
mit Deutschland, da sie in Verbindung steht mit dem größten German Scholar,
Thomas Karlyle, der hier als junger Schulmeister lebte. Dieser außerordentliche
Mann, der vielleicht noch mehr Bewunderer zählte, wenn das
