 »christliche« Litteraturgeschichten erfrechen sich, den »frivolen Juden
Heine« als eine dreiste Null abzutun. So etwas nennt sich in Deutschland
ästhetische Wissenschaft.
    O Tollheit, o unergründliche Dummheit der Menschen! Dieses Korps der Rache
rümpft die Nase über »moderne Litteraten« und schwindelt einen seichten
Reklamegötzen in die Akademie der Wissenschaften hinein: Denn man finde in
unsrer traurigen Zeit der Decadence keinen »Litteraten«, sondern nur einen
germanistischen Litterarhistoriker würdig, in so illustrer Genossenschaft zu
tronen!
    Ja, so wird man »groß« in dieser Welt des Humbugs. Man schmiert eine von
gröbstem Cretinismus strotzende Litteraturgeschichte, in der man mit oberfauler
»Gelehrsamkeit« die scheussliche Lachmannsche Theorie über das Nibelungenlied
wiederkäut und über Goethe in heuchlerische Verzückungen gerät, um die
»Epigonen« herzlos mit blödem Unverständniss abschlachten zu dürfen. Dann
verschafft man sich vor allem einen Nachschub von liebedienerischen Scholaren
und schmuggelt dieselben auf alle leer werdenden Lehrstühle ein. Stirbt man
dann, so hat man sich solch einen Famulus als Nachfolger herangezüchtet, der
eiligst den vakanten Papststuhl des verehrten Vorbilds einnimmt und in seinem
Stile weiterackert. So hat man sogar noch seinen Nachruhm sorglich vorweg
»versichert.«
    In den bildenden Künsten derselbe Lügenmechanismus. Gottsträfliche
Intriguanten, die als Künstler nichts als geschickte Macher, erobern sich das
höchste Ansehen, indem sie die Feigheit der Schwächeren terrorisiren. Denn nicht
das künstlerische Können entscheidet. Wer versteht heut etwas davon, heut, wo
der Eine bloß die Sujets beäugelt und die schlechtesten Historienbilder für
Heldentaten ansieht, der Andre bloß die Handwerksmätzchen bestaunt und ein
raffinirtes Virtuosenportrait für den Gipfel der Kunst hält! Und als Untergrund
dieser ganzen gleissenden Firnis-Gesellschaft die großen Massen, die als Atlas
auf ihren nimmer müden Armen diesen Olympos tragen. Bei ihnen regiert wenigstens
nur der Kampf ums Dasein in der rohen äußerlichen Form, und man schachert bei
ihnen nicht mit den heiligsten Gütern der Menschheit, mit Wahrheit und Kunst.
Sie fürchten Gott und das Kriminalgericht, nähren sich schlecht und recht, und
schwören im Übrigen auf ihre Zeitung. Denn was man Schwarz auf Weiß besitzt,
kann man getrost nach Hause tragen.
    Allerdings steht ja dem so beschaffenen Kasernen-Organismus einer
bureaukratisch-kaufmännischen Gesellschaft der Originalmensch und gar das Genie
wehrlos gegenüber, und muss notwendig untergehn. Wie darf es sich unterstehn,
die Preise zu drücken, den Markt durch seine Überproduction zu stören! Allein,
das ist weise das ist naturgemäß. Was sollte aus einer Welt werden wohin würde
die Entwickelung geraten, wenn man statt des hohlen Scheins das Sein anbeten,
wenn man die wahren Könige der Menschheit nicht verborgen im Dunkel stehen und
die Nichtse auf dem Markte sich spreizen ließe! Denn die ungeheure Majorität der
Menschen kann nur durch schlechte Leidenschaften zur Arbeit gestachelt
