 Anschauung konnte er auch den Schicksalsglauben eines
Welt-Messias wie Napoleon an seinen Stern nur als lächerliche Selbsttäuschung
bedauern. Wohl lag eine dumpfe Ahnung höherer Gesetze in dem Fatalismus eines
solchen Menschen:
    »Ich fühle mich zu einem Ziele hingetrieben, das ich nicht kenne; habe ich's
erreicht und nütze ich nicht mehr dazu, genügt ein Atom mich zu vernichten.«
Aber wenn der Welterschütterer fortfuhr: »Bis dahin vermögen alle menschlichen
Kräfte nichts wider mich«, so musste ihn diese Überzeugung notwendig zu jenem
Delirium des Grössenwahns führen, das sich in Worten austobt wie: »Es beweist die
Schwäche des menschlichen Geistes, dass man zu glauben wagt, man könne gegen Mich
ankämpfen.«
    Nein, sondern es beweist grade »die Schwäche des menschlichen Geistes, wenn
man glaubt, ankämpfen zu können« gegen das ewige Weltgesetz. Zwei mal Zwei macht
Vier und nicht Fünf. Wer das vergisst und den Sinn für die Realität verlor, den
stürzt allerdings »ein Atom«, aber dies Atom suche er in sich selber! Wohl ruhen
im menschlichen Geist dicht nebeneinander Größe und Größenwahn. Schwer ist's,
jene innere Ruhe zu bewahren, welche die wahre Größe verbürgt, und das eigene
Können stets nach richtigem Maß zu schätzen. Vornehmlich schwer, wenn die
törichte Blindheit der Welt mit ihren falschen Massen misst und daher verkannte
Größe naturgemäß zu übertriebenem Selbstgefühle treibt.
    Wohl würde die selbstbeschauliche Vorwegnahme seiner künftigen Größe in den
prahlenden Äußerungen des obscuren Kapitäns Bonaparte lächerlich wirken, wenn
er auch nur um die Hälfte weniger groß gewesen und später durch unberechenbares
Erfolgsübermass sein Größenwahn nicht gleichsam gerechtfertigt worden wäre. Aber
eine solche Gemütsanlage musste endlich doch zum Verderben umschlagen.
Größenwahn im gewöhnlichen Sinne konnte ihn zwar nicht bezwingen, weil er ja
wirklich so groß, aber dafür reifte denn in ihm der Cäsarenwahnsinn. So wird
selbst die Größe denselben Gesetzen untertan, wie die eitle Selbstsucht der
Durchschnittsmenge, und auch sie richtet sich zu Grunde durch Übermaß des
Wollens.
    Und da sollen die Menschen dann Schuld sein! »Wenn der Empereur die Menschen
verachtete, so wird man jetzt wohl zugestehn, dass er seine Gründe dazu hatte!«
So endet der krasse Egoismus überspannter Größe mit einer Anklage gegen den
Egoismus der Kleineren!
    Das Alles ist Torheit. Die Menschen klagt nur Derjenige an, der sie nötig
hat. Der inneren Größe aber können die Koturne der Pöbelwelt nicht einen Zoll
hinzufügen noch hinwegnehmen. Wozu das Jammern und Schimpfen über eine Welt, die
sich nach unabänderlichen Gesetzen dreht! Sie wird schon ihre Vorwärtsdränger
selber finden. Du bist solch ein Held? Glaube es nicht! Denn wenn du es bist, so
wird sich die Stunde schon finden, wo das Welt-Naturgesetz dich zu seinen
Zwecken
