 wie die Ideenbegriffe. Das schöne Wort
»Freiheit« kann als »Liberalismus« den krassen Materialismus vertreten und das
Königtum umgekehrt als letzter Hort des Idealismus erscheinen. Nur ein Begriff
wechselt nie, nur ein Symbol bleibt ewig veränderlich: das Vaterland.
    Ein Mastbaum hob sich siegreich als Schlachtpanier über dem Streitwagen der
Lombarden als Symbol des Vaterlandes. Und ein Mastbaum diente als Sinnbild der
geschlachteten Freiheit, als auf Nelson's Admiralschiff die besten Männer
Neapels wie gemeine Verbrecher am Galgen seiner Raae hingen. Aber dieserselbe
rohe Henker, Sklave zweier Trybaden, dies rumbegossene Beafsteak, verwandelte
sich bei der ersten Breitseiten-Lage von Trafalgar in einen würdevollen Heros.
»England erwartet, dass männiglich seine Schuldigkeit tue.« Und er fiel im Sieg:
»Ich habe meine Schuldigkeit getan.« Vaterlandsgefühl hebt Tröpfe über sich
selbst empor und steigert unter der Wucht der immanenten Idee die Kraft des
Einzelmenschen.
    Die natürlichen Bedingungen, die aus der inneren Organisation erwachsen,
sind im Menschenleben so unveränderlich wie im Naturreich. Die Weltgeschichte
folgt bestimmten Drehungsgesetzen, die man bisher nicht zu ergründen den
Scharfblick besaß. Wenn Buckle den Verfall Spaniens lediglich aus seinem
fanatischen Religionskultus herleitet und diesen wieder aus der
Bodenbeschaffenheit, welche Spanien also für immer zur unculturellen Stagnation
verdamme, so ist das eine oberflächliche Einseitigkeit, nämlich eine bloß
geologische Betrachtung. Sobald aber die psychische Chemie angewandt wird,
ergeben sich ganz andre Resultate im Lande der Kalderon und Kortez. Dann
erklären sich die Erbfehler als Erbtugenden und umgekehrt. Der starre
Jehovacultus dieses auserwählten Volkes, worin schon arabische Mischung
erkennbar wird, befähigte es zur Welteroberung. Weil aber die geologische Lage
Spaniens widerspracht so verwirrte sich die chemische Zusammensetzung und
Spanien konnte seine unnatürliche Weltmacht nicht behaupten.
    Man wähnt die französische Politik irgendwie durch äußere Einflüsse und
Zeitverhältnisse umwandeln zu können. Und doch lehrt die Geschichte, dass die
Grundlagen der französischen Politik stets die gleichen blieben.
    Wie Chlodwig die französische Monarchie auf den Stützpfeiler des
katholischen Klerus gegründet, so später der »allerchristlichste« Louis
Quatorze. Wie die Könige des Mittelalters die Centralisation der Staatsgewalt
angestrebt, so kämpften Richelieu-Mazarin den Geist der Fronde nieder. Wie jene
lüstern nach Lotringens und Flanderns Besitz geangelt, so »reunirre« man später
wirklich diese Länder und grade die Revolution vollendete dies Werk gallischer
Völkerbeglückung. Der »Freiheitsbaum«, den diese Republikaner aufpflanzten,
wurde ein Upasbaum der Tyrannei, die Prokonsuln und Volkstribune glichen auf ein
Haar den späteren Marschällen und Intendanten, Pichegru plünderte Holland, so
dass dem Napoleonischen Satrapen Oudinot später kaum etwas übrig blieb. Gaston de
Foix, Guébriant, Turenne, Mélac, Louvois lebten weiter unter der Revolution und
dem Kaiserreich und wirtschafteten später in Spanien, wo sie sich austoben
durften, im Stil des dreissigjährigen Krieges
