
euch und wird in euch sein.«
    Wohl fühlte der große Tote in sich jene Geistesstimme, von der es heißt in
den Römerbriefen Pauli: »Denn ihr habt nicht einen knechtischen Geist empfangen,
dass ihr euch fürchten müsstet. Derselbe Geist gibt Zeugnis unserm Geist, dass wir
Gottes Kinder sind.«
    Doch weil Leonharts Herz, ursprünglich reich an Güte und Wohlwollen, sich
aus Verbitterung in starre Selbstsucht krampfhaft zusammenzog, hörte er nicht
die Erlöserstimme: »Wer immer mich liebt, den werde ich lieben und mich ihm
offenbaren.« Ihm aber, der zum erstenmal seit Kindertagen wieder die Bibel las,
dem weltfremden Gottsucher offenbarte sich Gott.
    Alles was in der Welt eintrifft, hat sein Zeichen, das ihm vorhergeht. Die
zahllosen verschiedenen Ideen, die verworren durcheinander murren, sind
Vorzeichen einer ungeheuren Bewegung.
    Er dachte an Lamennais' »Worte des Glaubens« (Leonhart hatte ihm einst dies
Buch geschenkt): »Junger Soldat, wohin gehst Du? Gehe streiten, dass alle einen
Gott auf Erden und im Himmel haben.«
    Alle einen Gott, alle, die so verschiedenen Stammes? Ja, nur die Masse, das
Allgemeine vermag zu siegen. Wer würde das Stimmchen der vielen armen
unmerkbaren Geschöpfe hören, wenn im Frühling ein Summen den Wiesen entsteigt?
Unzählbare Laute sind es, die sich hier vereinen - einzeln würde keins von ihnen
gehört werden - doch, alle vereint, machen sie sich vernehmlich weithin über die
Erde, als unartikulirte Allstimme der Lebenskraft.
    Was vermag der Einzelne heut? Weniger denn je! Wer darf aber gar über Leiden
klagen, ohne dass seine Tugenden ihm ein Recht dazu geben? Schon in der
Übergangsepoche der Childe Harold-Werterzeit mahnt Chataubriand seinen René:
»Wer Kräfte empfing, soll sie dem Dienst der Menschheit weihen.«
    Der sogenannte Weltschmerz kann nur enden mit Selbstüberwindung in
vornehmkalter Abgeschlossenheit und prometeischem Selbstgenügen. Aber edler als
die wollüstige Todessehnsucht des Panteismus ist die freudige Lebensertragung,
welche das quälende Ich abschüttelt und durch allumfassende Liebe ins Unendliche
erweitert. Die rauschendste Melodie auf der Aeolsharfe der Empfindung wird stets
das vaterländische, das Stammgefühl entlocken. Aus dem zerfahrenen
Kosmopolitismus der ästhetischen und pessimistischen Weltanschauung erhebt sich
der Geist, von der Naturbetrachtung sich der Geschichtsbetrachtung zuwendend, zu
der Erkenntnis des Nationalbewusstseins. Da gewinnt die raue Wirklichkeit einen
gesunderen Reiz, als Schönheitskultus ihn bieten kann; da wandelt sich der
Schauder vor der ehernen Notwendigkeit in ein stolzes Wohlgefühl: Getragen zu
werden von dem ewigen Wirbel des Weltenrades, das Jeden als Atom des Allgemeinen
zu seiner Bestimmung fortreisst.
    Das trotzige unselige Ich, das auf sich allein gestellt die Welt umfassen
möchte und von der Last dieser selbstaufgelegten Mission erdrückt ward, erkennt
sich jetzt freudig als untertan höheren Gesetzen.
