 den Kampf, Ruhe im Sturm. Da klärt sich des rütselvollen
Menschenlebens letzter Schluss, dass nur liebevolle Versenkung ins Allgemeine aus
liebloser Einsamkeit erlöst. Nur Liebe für die Idee, nur Streben nach einem
Ideal, nur dies macht teilhaftig des heiligen Gral, begräbt den Titurel des
ringenden Ichs und krönt Parzival's Irren und Leiden.
    Die Seele, welche gelernt auf sich selbst allein zu bauen, in sich selbst
ihre Stärke zu suchen - die Sporen des Hasses, der Verzweiflung, der
Menschenverachtung hetzen und zerfleischen sie nicht mehr. Menschenverachtung
sollte immer bei sich selbst anfangen. Menschenverachtung, die ja doch die
Menschen braucht - allerdings nur als Sklaven und Beifallskatscher, aber doch
immer braucht.
    Nicht länger beneidet die genesene Seele den Flitterkram äusserlicher Lüste.
Durch den feurigen Ofen hindurchgegangen, abschmelzend die Schlacken gemeinerer
Selbstsucht, wurde sie kalter biegsamer Stahl. Jetzt ist sie zum Ritter
geschlagen d.h. zum freien Manne. Wer die Menschen nicht bedarf, trägt auch
nicht ihre Ketten. Nur wer sie nicht braucht, liebt die Menschen aus
selbstbeglückender Sympatie, aus erhabenem Mitleid Aller für Alle. Nur das ist
der wahre »Weg zur Freiheit.«
    Aber nur die alte Erzeugerin und Erhalterin der Weltgesetze, Eros und
Anteros die großen Gewalten, nur die Liebe erlöst. Und Liebe ist, langmütig,
sie hadert nicht, sie beugt ihren Willen unter den der andern, unter den höheren
Willen des Ideals, wie es eingeschrieben in des Menschen Gewissen. Der Geist ist
willig, aber das Fleisch ist schwach; Liebe allein macht stark, indem sie das
schwache Ich demütig dem starken Allsein vermählt.
    Vom Ganges her rauscht aus Palmen und Lotoskelchen des Büssers Braminenlied:
Wer störungsfrei, begehrungsfrei zum andern Ufer hingelangt, wer nichts zu eigen
haben will, der nenne Buddha's Jünger sich.
    Aber ist Freisein von Leidenschaften nicht ein widernatürliches Unding? Nur
für das entnervende Klima Indiens könnte das passen. Nicht die Verneinung,
sondern die Verstärkung des Willens hat den rastlosen Vorwärtsdrang unsrer
Zivilisation ermöglicht. Den Willen brechen heißt eine Tugend empfehlen, die
keine Tugend ist. Es gilt vielmehr, die Leidenschaft auf geistige Ziele mit der
gleichen dämonischen Stärke hinzulenken, mit welcher der gewöhnliche Mensch
sinnliche Ziele erstrebt. Hass gegen das Schlechte ist eine glückbringende
Leidenschaft.
    Aber durch Erkenntnis unsrer eignen Unvollkommenheit sollte Mitleid mit
fremder Unvollkommenheit in uns erwachen. Dies Mitleid hat jenem Toten gefehlt.
Wohl berechtigte ihn sein Geistesstolz zu einem Gefühl überlegener
Selbstabsonderung. Aber nie schmolz seine Härte in der weisen Demut, welche die
Unteilbarkeit alles Seins erkennt. Verrichtete nicht darum der Heiland an
seinen Jüngern niedere Dienste? »So nun Ich, euer Herr und Meister, euch die
Füße wusch, so sollt ihr auch euch untereinander die
