? Seit wann denn? Erst seit
heute, wo er schuldig geworden? Nein, es musste ihm schon eingeboren gewesen
sein. Es gibt also eine höhere moralische Ordnung außer uns und über uns.
    Hör' auf, dein starres Ich zu behaupten, Niemandem untertan, in dich selber
ein wärts deinen Pfad zu bohren!
    Tödte den Willen ab! Selbst ein idealer Wille verstrickt dich in Schuld.
»Soll ich denn meines Bruders Hüter sein?« Heuchlerische Frage! Du fühlst ja,
dass du es sollst.
    In der Friedlosigkeit des Schuldbewusstseins fühle du den Frieden der
Erlösungssehnsucht! In dem Schmerze der Schuld wird die Last der
Verantwortlichkeit von dir genommen, die den souverainen Willen bedrückt. Nicht
länger fühlst du dich verpflichtet, als höchste Erscheinungsform der göttlichen
Idee zu gelten. Die Demut deiner Schuld beugt dich freudig unter die Erkenntnis
einer über den Dingen stehenden Centralkraft, der sich auch der Größte willenlos
zu unterwerfen hat.
    Jeder ist schuldig, auch du trage dein Kainsmal, denn auch du hast deinen
Bruder gehasst und dich selbst geliebt. Aber trage es ruhig und stolz, ohne
Trotz, ohne unnütze Reue! Gehe hin und sündige nicht mehr!
    Wie so anders erscheint das Rätsel des Lebens dem Manne, der liebte und
lernte und litt! Eine grause Gabe ist das Teleskop der Wahrheit, das alle
Erscheinungen verwischt und nur Schein sieht, wo die frische Hoffnung einst im
Sein geschwelgt. Die Gedanken und Gefühle des Menschen bilden für sich ein Epos
vom heiligen Gral.
    Wie frohgemut sitzen sie erst beieinander, gleich König Artus' Tafelrunde.
Die Welt ist ihnen ein Bilderbuch voll Farben und Ideen und aus den Hieroglyphen
der Weltgeschichte liest sie den klarsten Sinn. Lancelot vom See, die kühne
Abenteurerlust, erfasst die Natur mit ungebrochener Jugendlust. Tristan und
Isolde finden sich in sinnlicher Leidenschaft, begehrungssüchtig und subjectiv,
Parzival's Venuswunden heilen von selbst in sentimentaler Schwärmerei. Wohl
tritt dann die wirkliche Leidenschaft verderblich in den Kreis, wie Ginevra, die
königlich stolze, aber auch sie zerrinnt in resignirte Wehmut. Da naht Merlin,
die philosophische Auffassung der Welt, und wühlende Reflexion vernichtet die
Schaffensfreude. Fei Maglore von der schwarzen Klippe, die Feindin Ginevras,
lockt in ihren Bann und abgegohrene Liebessymptome verlieren sich allmählich in
blasirte cynische Selbstverspottung. Kay der Seneschall regelt mit kalt
kritischer Ironie die Dinge. Nach den Enttäuschungen der scheinbaren äußerlichen
Erfahrung entsagt der Geist dem Behagen am fabulirenden Bilderreichtum der
Wirklichkeit in erlogener Ruhe. Aus realistischem Arbeitstrieb keimt der
Hochmut eines gleichgültigen Materialismus. Doch der ungestillte Trieb nach
idealer Erlösung und festerem Lebenshalt ringt nach Befreiung, der wunde Titurel
harrt auf das erlösende Wort des Grals.
    Wer aber Avillion finden will, das Eiland der Seligen, der muss wählen
Frieden durch
