 Baco, Descartes und Newton die wechselnden
Erscheinungen auf bestimmte Prinzipen von Ordnung zurückführten und das
achtzehnte Jahrhundert diese gefundenen Prinzipien auf das materielle Universum
im Ganzen anwendete, so versuchten die großen deutschen Denker diese Prinzipien
auf die Geschichte des menschlichen Geistes auszudehnen und zu vollständigen
Allgemeinbegriffen über den Fortschritt des Menschengeschlechts zu gelangen.
Allein, dies gelang ihnen nur unvollkommen oder gar nicht, weil sie die Anregung
in Herder's »Philosophie der Geschichte«, historische Drehungsgesetze zu
entdecken, oberflächlich vernachlässigten. Sie wandten sich völlig der rein
metaphysischen Spekulation zu und verließen das neubegründete philosophische
Geschichtsstudium, welches sie zu pragmatischer Spezialgeschichtsschreibung und
nüchterner Quellenforschung herabdrückten.
    Und doch sollte es der Endzweck jeder Forschung sein, aus Vergangenem die
Zukunft vorherzusagen. Große Ereignisse entspringen keineswegs aus kleinen
Ursachen, wenn auch vielleicht aus kleinen Bedingungen. Ereignisse der
Menschengeschichte unterwerfen sich denselben Bedingungen wie Chemie und
Geologie. Jede Erscheinung muss verursacht werden durch etwas, was in ihr vorgeht
oder was außer ihr vorgeht. Ersteres muss sich durch ihre Zusammensetzung,
letzteres durch ihre Lage erklären lassen. Selbst die geheimnisvollen großen
Lichtkräfte, welchen in der Menschengeschichte wohl gewisse immanente Ideen
entsprechen, wird man so analysiren können.
    Wenn der englische Denker Locke noch die abgesonderte Existenz einer
Reflexionskraft behauptete, durch welche die Sinneseindrücke benutzt würden, so
gingen die schottischen Denker, welche jene denkwürdigste Epoche des
Menschengeistes zeitigte, schon so weit, eine sittliche Anlage jedes Menschen
als ursprüngliches Prinzip anzunehmen. Schon bald wurden diese deductiven
Transcendentalisten verdrängt durch die Gründung der politischen Oekonomie. Adam
Smit stellte den Satz auf, dass die Gesetze, nach welchen wir unser Betragen
richten, nur durch Beobachtung des Betragens anderer erlangt werden. Wenn wir
einsam lebten, könnten wir weder Verdienst noch Recht von seinem Gegenteil
unterscheiden. Wir unterrichten uns hierüber, indem wir uns an die Stelle der
Andern versetzen. Aus dieser allgemeinen Vorstellung entstammt die allgemeine
Sympatie. Diesem Mitgefühl entspringen nun sämtliche Handlungen, gute und
böse. Und im Mitgefühl, obschon es ein ideelles Vergnügen bereite, läge dennoch
kein Gran von Selbstsucht. Als Ergänzung aber dieser »Theorie der sittlichen
Gefühle« sprang Smit auf das gerade Gegenteil über, indem er nunmehr in seinem
grandiosen Werke vom »Nationalreichtum« nur die Selbstsucht als Motor annimmt.
Jeder folge nur seinem eignen Interesse und fördere hierdurch, ohne es zu
wollen, das Interesse andrer. Der persönliche Wunsch, den jeder Einzelne fühlt,
seine Lage zu verbessern, bringt die Gesellschaft im Ganzen vorwärts. Jetzt
wurde die große Idee der Notwendigkeit auf das sociale Leben angewandt. Man
erkannte Arbeitslöhne als unvermeidliche Folge der Verhältnisse gegen welche die
Wünsche aller Einzelnen oder des ganzen vierten Standes ohnmächtig, das spätere
»eiserne Lohngesetz« nach Angebot und Nachfrage. Man ahnte die Theorie der
Pacht, wie Maltus
