
selbst erziehn, indem man aus eigener Erfahrung für alle Dinge bezeichnende
Formeln findet.
    Die Strafe der widerwärtigen Abhängigkeit von Aussendingen bleibt niemals
aus. Nur das Innere bleibt fehlerlos, während die Außenwelt unaufhörliche Fehler
birgt. Geistige Arbeit scheint einzige Rettung, indem sie ganz über die
Aussendinge hinweghilft.
    Aber wo entsprechende geistige Arbeit finden! Denn diejenige des
ästhetischen Dilettantismus entwürdigt einen männlichen Geist.
    Krastinik warf sich schon seit geraumer Zeit auf Naturwissenschaften, wozu
die alte wurmstichige Bibliothek seines Schlosses ihm ausreichende Mittel zu
gewähren schien. Allein, nur unter dem bildungsdurstigen Geschlecht Ende des
vorigen, Anfang dieses Jahrhunderts, hatte man dieselbe bereichert und so fand
er denn hauptsächlich französische und englische Werke dieses Genres aus der
Blütezeit der ersten Periode des modernen Materialismus, während die spätere
Metaphysik der Deutschen durch Abwesenheit glänzte.
    Er studierte die Encyclopädisten, das berühmte »System der Natur« Holbachs
und »Über den Geist« von Helvetius.
    Gedanken? Eine Fähigkeit, Eindrücke zu empfangen und sich derselben
hinterher zu erinnern, welche wir mit jedem tierischen Lebewesen gemein haben.
Das Gedächtnis, vielleicht die wichtigste Grundlage höheren Geisteslebens, muss
als ein bloßes Organ Physischer Empfindung und das Urteil auch nur als
Empfindung betrachtet werden. »Juger n'est proprement que sentir.« Was sind also
Pflicht, Tugend und all diese schönen Worte? Man prüfe ihr Verhältnis zu den
Sinnen, inwieweit sie physische Lust erregen. Laster und Tugend sind also nur
das Ergebniss unsrer Leidenschaften und diese richten sich nach der physischen
Reizbarkeit für Schmerz und Lust. Nur so entstand der Sinn für Gerechtigkeit,
indem aus Schmerz und Lust das Gefühl des allgemeinen Interesses erwuchs,
welches man schützen wollte. Freundschaft erklärt sich nur aus dem Interesse,
unsre Lust zu vermehren oder unsern Schmerz durch Teilnahme zu mindern. Den
Ruhm erstrebt man lediglich wegen seines Vergnügens, respektive wegen anderer
Vergnügungen, die man aus seinem Besitz erhofft. Das Gute um des Guten willen zu
lieben ist eine Chimäre, das Böse um des Bösen willen zu wollen ist unmöglich.
Was wir sind, dazu macht uns nur die Außenwelt.
    Aehnlich die Analyse der menschlichen Fähigkeiten, welche Kondillac in
seiner Abhandlung »Über die Empfindungen« versucht. Empfindung sei nichts als
Eindruck äußerer Einwirkungen. Reflexion sei nur Sensation, ein Kanal der
Vorstellungen, welche aus den Sinnen allein sich herleiten. Unsere
Aufmerksamkeit auf irgend einen Gegenstand ist nur die Empfindung, die uns
dieser Gegenstand erregt. Und Vergleich zweier Gegenstände ist nur doppelte
Aufmerksamkeit, nicht etwa eine Folge der Aufmerksamkeit, also ist das Urteilen
, was bereits im Prozess des Vergleichens liegt, auch nur das Aufmerken einer
Empfindung. So entsteht das Gedächtnis als ein ungeformter sinnlicher Eindruck
und Einbildungskraft leitet sich wieder vom Gedächtnis her, indem erstere das
Abwesende als gegenwärtig empfindet
