 nicht um die Person des Dichters,
sondern in ihm um die Zukunft der Poesie. Man konnte Leonhart gewiss nicht
verwehren, dass er sich deren erwehrte, die seinem Dichtertum ans Leben wollten.
Aber er hätte denn doch - das Recht ihm zugestanden, dass er selbst lebe - den
Satz der Humanität mehr beherzigen sollen: »Die Andern wollen auch leben.« Die
sprüchwörtliche Antwort darauf »Je ne vois pas la nécessité« ziemt sich für
einen Weltmann, aber nicht für einen Prediger des Idealen.
    Wohl kennt die Welt keinen andern Prüfstein des Wertes, als den Erfolg. Wer
früher über einen Alvers spöttelte, gehörte jetzt gewiss zu seinen lautesten
Schmeichlern. Was manche »Unabhängige« an Leonhart benörgelten, das beräucherten
sie ja jetzt schon nach seinem Tode. Denn die Menschen sind zwar sehr beschränkt
und sehr boshaft, doch nicht so sehr, dass sie nicht zu Sinnen kämen, wenn ihnen
das Flammenschwert der Wahrheit direkt ins Auge fuchtelt. Gewiss, der Mannesstolz
vor Fürstentronen wird immer verdächtig, wenn er sich an Könige- ohne -Land
richtet. Trotzalledem brauchte Leonhart wahrlich nicht in eine solche Rage zu
geraten, wenn seine »Judasse«, wie er das charakteristisch im Vertrauen
Krastinik gegenüber nannte, ihm als sauertöpfische »Aufrichtigkeit« angebliche
Wahrheiten ins Gesicht warfen, die er als hohl und wesenlos erkannte.
    Kurz, wohin der Graf auch blicken, wie auch immer er sich das Bild seines
toten Idols vergegenwärtigen mochte, überall fand er jetzt Kleinliches und
Schwächliches. Alles in der Welt hat zwei Seiten; es kommt darauf, von welcher
Seite man es sieht. Erhabener Stolz - Eitelkeit unbefriedigter Ruhmsucht - wie
nahe hängt das zusammen! Nein, Leonharts geistige Größe hatte zu moralischer
Größe sich nie emporgeschwungen. Das höchste, das moralische Genie blieb ihm
versagt. Wohl war's der Größenwahn des Genies, aber selbstüberhebender
Größenwahn lallte auch hier.
    Die Krankheit des Jahrhunderts hatte auch ihn verzehrt, in ihm ihre
herrlichste Beute gefunden. Sein Ich über alle menschlichen Schranken hinaus dem
Schöpfer entgegenspreizen - das ist nicht Größe, das ist Grossmannssucht. Die
wahre Größe und die wahre Weisheit ist demütig, weil sie es sein muss,
ehrfürchtig dem Unerforschlichen sich beugend. Den Kampf an Jaboks Furt, Gott
wider Mensch, besteht auch der stärkste Ringer nur mit verrenkter Hüfte. Wer
Gott nur als Tyrannen anerkennt, der vom Gewalttron niederglotzt auf den
Freien, den er foltert, - der wird den Verborgenen nimmer schauen, der in Allem
sich offenbarte, wird nie in inniger Gottverschmelzung den Weltumlauf
vollbringen, wird nie sich freudig verbluten im heiligen Feuer der
Lebensgemeinschaft mit Gott.
    Krastiniks Idol lag in Stücken. Das war kein Messias, das war ein schwacher
sündiger Mensch wie alle, nur mit
