
gefällige Form, mangelte diesem wahren Genie, wie jedem Grossbeanlagten,
anfänglich vollkommen. Wenn er sich quälte, lyrische Liedchen nach bekanntem
Muster zu pfeifen, misslangen sie gänzlich. Von der Grossartigkeit seiner
gedanklichen. Konception verstand natürlich ein zum Urteil herangezogener
Kunstandwerker ebensowenig, wie von der unabgeklärten, aber genialen
Gestaltungskraft seiner Charakteristik. Es wäre ein Glück für ihn gewesen, wenn
er wie so mancher Dilettant, auf eigene Kosten seine Jugendsachen wenigstens mit
sechszehn Jahren hätte publizieren können. Denn in diesen stak wenigstens der
wirkliche ganze Leonhart, der halbflügge Genius, so dass alles Philistergenörgele
immerhin hätte zugestehen müssen, für einen Knaben seien diese Versuche einfach
unerhört. Aber so gut wurde es ihm nicht. Niemand verstand das Bahnbrechende in
diesen seltsam bizarren Sachen und so überwand er sich denn endlich, etwas
»Liebliches« zu fabriziren, um einen Verleger zu finden.
    Mit der Publikation dieses minniglichen Opus (er zählte mittlerweile
achtzehn Jahre) begann nun die endlose Aergerkette seiner öffentlichen Laufbahn.
Die Einzelheiten, welche er als besondere Tabelle gebucht hatte, wirkten
allerdings vernichtend für die gänzliche Unfähigkeit der »Kritik«, das
Ungewöhnliche zu begreifen, und der stumpf apatischen Welt, Perlen statt ihrer
Trog-Kartoffeln zu verdauen.
    Immer und immer wieder sah er in sich das Sein im Bettlergewand, um sich her
den Schein im Galakleid. Wohl mochte er rufen mit dem größten aller Dichter:
»Müd alles Dessen schrie ich nach ruhevollem Tode. Zu sehen, wie wahre Kraft von
hinkender Schwäche entwaffnet, wie der Kunst die Zunge gefesselt von falscher
Autorität, wie Narrheit als Doktor die Weisheit curirt.«
    Nun ja, das alles mochte wohl als wahr gelten, vom Standpunkt der äußeren
Gerechtigkeit. Aber liegt nur hierin die immanente Gerechtigkeit der Dinge, von
der Gambetta sprach? Bleibt nicht der Wert und das Ideale in sich selbst Sieger
?
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    An einsam moosigem Gestein verträumte der Müde den Abend. Wie die Sonne wild
verblutete! Überm Meer ein Flammenmeer. Ein Scharlachbaldachin auf goldnen
Strahlenschnüren schien langsam droben hinzuschweben. Dann wieder schien eine
Stadt aus Purpurwolken den Rand des Horizontes zu schmücken.
    Leichte feuchte Wassernebel kräuselten sich, emporsteigend. Rot überhaucht
wie gefrorenes Blut schien sich die ruhige Flut zu dehnen, ruhig wie das Tote
Meer, das wie Eisenöfen raucht, wo ihren Saft die Palme gerinnen fühlt. Das
Tote Meer mit seinem giftigen Qualm - ja, dem gleicht das Leben der großen Welt
und der großen Stadt. Und das Rote Meer - ja, durchs Rote Meer muss man
hindurch, wenn man zum gelobten Lande will. Aber die Feuersäule des Genies, die
