 nun, so besinne er sich nicht lange am Scheideweg des Herkules! Warum
verzichtete er nicht gänzlich auf solche flüchtigen Wertungen der äußern
Geltungseitelkeit? Warum schloss er sich nicht ab von der Welt und sank in
majestätischem Schweigen, das Lächeln einer erhabenen Verachtung am den Lippen,
ins Grab des Todtschweigens und der Verlästerung? War er doch von zu grobem
Metall für solche goldklare Feinheit Gesinnung?
    Schopenhauer sprach das große Wort gelassen aus: Was sei alles Genie gegen
vollkommene Güte des Herzens, welche Andern gegenüber jene grenzenlose Nachsicht
übt die man sonst nur gegen sich selbst anwendet. Von dieser Herzensgüte besaß
Leonhart viel, aber noch lange nicht genug. Freilich, da sich die kindische
Selbstsucht und Eitelkeit der Menschennatur nirgends so schamlos entpuppt, wie
in der sogenannten Literatur, so bleibt es hier am schwersten, jene höchste
Betätigung der Herzensgüte zu üben - nämlich Gerechtigkeit, die sich auf den
Standpunkt des Andern zu setzen und jene großen Gesichtspunkte zu bewahren weiß,
vor welchen persönliche Freundschaft und Feindschaft verschwinden. Auch ist es
mit der »grenzenlosen Nachsicht«, die Schopenhauer als vollkommene Herzensgüte
rühmt, immer ein eigen Ding, da durch sie ja nichts gebessert wird. In der Kunst
wird eine gewisse Art von Nachsicht ganz einfach zum Verbrechen. Wer das Große
und das Kleine, das Genie und Talent, das Talent und Nichttalent gleichmäßig
»anerkennt«, versündigt sich am Besseren durch Gleichstellung desselben mit dem
Guten. Kann man es also Leonhart verdanken, wenn er manchmal heftig und zufahrig
draufschlug?
    Jaja, die Herzensgüte! So rührend jene Phrase im Munde eines großen Mannes
wirkt, dessen eigene Herzensgüte so mäßig entwickelt schien, so darf man dies
Augenblicks-Aperçu doch wohl nicht ernst nehmen.
    Wiegt Passive Herzensgüte im geistigen Haushalt der Menschheitsentwickelung
nicht vielmehr federleicht gegen jede produktive Betätigung wahren Talents?
Auch wenn letzteres scheinbar zerstörend auftritt. Nun ja, das wohl. Aber
Herzensgüte voll Nachsicht gegen fremde Gebrechen und voll Strenge gegen sich
selbst - mag sie als seltenste Ausnahme nicht ab und zu vorkommen? Und wäre das
nicht ein Ziel, aufs innigste zu wünschen? Steigt diese Güte wirklich bis zu
einem hohen Grade, so tritt sie freilich stets produktiv auf, wie bei Christus
und Buddha, da sie die Lüge und Gemeinheit der Welt zu reformiren trachtet.
    Genie ist Initiative. Allerdings muss das Glück nachhelfen. Der bloße Mann
der Tat ist ja bloß der Sklave der Außenwelt, aber der Denkerschöpfer ist darum
noch lange nicht Herr der Außenwelt. Seine Studirstube mag ihm als der
Archimedische Punkt erscheinen, von dem aus man die Welt aus den Angeln hebt.
Doch die Außenwelt stört eben wie jener römische, Legionär die Kreise des
Archimedes und schlägt ihm den Kopf ab. Ohne Glück und Erfolg erlahmt die
Initiative des
