 schon die Zeit sehe, wo man, um einen entsprungenen
Zuchtauscandidaten zu infamiren, an den Galgen schlägt: N.N. ist gemütlich,
sinnig, trefflich und genial! - O stände doch endlich ein gewaltiger Genius auf,
der, mit göttlicher Stärke von Haupt zu Fuß gepanzert, sich des deutschen
Parnasses annähme und das Gesindel in die Sümpfe zurücktriebe, aus welchen es
hervorgekrochen ist!«
    Hat dieser Ausfall nicht noch heute Geltung? O viel mehr sogar! Wenn man die
Reklamen der Buchhändler und der Blätter liest, wird einem übel. »Endlich einmal
ein Meisterwerk!« annonciren sie das Produkt irgend eines Sudelmännleins. Und
der Verleger-Größenwahn, welcher am liebsten eine ganze Rotte von Genies in
seinem Verlag aus dem Boden stampfen möchte, lässt die Macher über sich selber
Prospekte schreiben, worin sie ihre leidlich gelungenen Werkchen zu den
»höchsten Darstellungen der Weltlitteratur« rechnen und zwar »unstreitig«. Da
gibt es »Charaktere von wahrhaft Shakespearischer Tiefe«, »Effekte wie kaum in
Schillers Dramen« - - kurz und gut Kunststücke, neben denen »die besten andern
Schilderungen prosaisch, ja alltäglich erscheinen«!! Überall, wo man hinhorcht,
dasselbe Lied. »Bewunderungswürdige Kunst der Darstellung« »der geniale
Verfasser« - derlei regnet nur so bei Besprechung der mässigsten Sudeleien. Da
werden, Goethe, Horaz, Pindar, Burns, Petöfi, Heine, Lenau, Flaubert in Unkosten
gestürzt, um als Lob-Vergleiche mit jedem Nachahmer herzuhalten.
    Aber was sehe ich! Seien wir nicht ungerecht! Stützt man den betrunkenen
Bauern auf der einen Seite (wie der selige Luther sagt), fällt er auf der andern
Seite wieder herunter. Denn um ein gerechtes Gleichgewicht zu erzeugen, legt man
dafür an die Werke des wirklichen Genies unmögliche Massstäbe an, nach welchen es
ja ein Leichtes wäre, Shakespeare und Goethe unsterblich lächerlich zu machen.
Da werden die frechsten Lügen nicht gescheut, um das ehrliche Verdienst zu
schmälern, - falls man es nicht am liebsten ganz todtschweigt. Bravo, das ist
ausgleichende Gerechtigkeit. Diese Leute haben gleichsam ein instinktives Gefühl
dafür, wo bedrohliches Übergewicht vorhanden. Wo man ein hübsches Zwergtalent
erkennt, da mag dasselbe noch so grössenwahnsinnig in lächerlichen Radau-Vorreden
sich aufblähen, - man kommt ihm freundlich entgegen.
    Aber wehe der wahren Größe, die ihrer selbst bewusst! Kreuziget, kreuziget!
»Bist Du der Juden König?« »Du sagest es.« Er hat bekannt, was brauchen wir
weiter Zeugnis! »Ich finde keine Schuld an diesem Menschen«, sprach Pontius
Pilatus, das Forum der Vernunft. Aber da erhoben die Juden ein grausses Geschrei
und Pilatus ist schwach. »Ich überantworte ihn euch.« Da
