, um zu sehen, und sehen nicht.
    Wer als Einer unter Myriaden stets die Sache und nie die Person im Auge
behält, muss der Selbstübervorteilte bleiben, auf dessen Kosten sich alle
Ohrwürmer mästen. Darum bildet den rechten Grundstein einer geregelten
literarischen »Karriére« die einfache Nützlichkeitslehre der Bismarckschen
Diplomatie: »Do ut des«. Um die wahre Bedeutung und derlei Allotria mag sich die
Nachwelt kümmern. Nachruhm! Leichen kann man nicht mehr füttern.
    Die gefährlichste und verletzbarste Eitelkeit stellt nicht das eigene
Selbstgefühl dar, sondern die Eitelkeit für einen Anderen z.B. der Mutter für
ihren Sohn. Der wahre Dichter aber fühlt für seine Dichtung wie für ein Kind,
das er gebar. Während der Dichterling immer nur sich selbst persönlich getroffen
fühlt, wenn man seine Dichterei heruntersetzt, kränkt den Dichter ein ganz
unpersönlicher unselbstischer Schmerz, wenn er sein Dichtungskind, dies von ihm
losgelöste selbständige Wesen, von der kalten böswilligen Welt verstoßen und
besudelt sieht.
    An diesem Schmerz, der insofern komisch wirkt, als er sich Niemandem als
unselbstisch begreiflich machen kann, ging der unglückliche Dichter langsam zu
Grunde. Er fasste sich fortwährend gleichsam literarhistorisch auf und grübelte
über seine Eigenart nach, als gelte es einen postumen Essai für die Nachwelt zu
schreiben. Andrerseits steigerte sich bei ihm die Unmöglichkeit, die tausend
Teilsächelchen des Lebens zu berücksichtigen.
    Wie oft werfen nicht beschränkte mittelmäßige Köpfe einem Kraftgeiste, der,
von rastlosem Tatendrang dämonisch fortgerissen, immer nur das Ganze, nie die
Teile bedenkt, haltlose Unruhe, unzeitigen Starrsinn, Widersprüche vor, während
nur ihre eigene Mittelmässigkeit sie auf der gewohnten Bahn des ebenmässigen
Vorwärtstappens erhält!
    Schritt für Schritt sah man die tückische Nervenkrankheit hier vorrücken,
welche den Unglücklichen in seiner Verbitterungs-Manie dem Wahnsinn und dem
Selbstmord entgegentrieb. Er suchte gleichsam alle Abgründe auf und secirte sich
und seine Nebenmenschen bei lebendigem Leibe. Der letzte Teil des Tagebuchs, in
dem Monat vor seinem Tode geschrieben, enthüllte dies so recht.
 
    Welch ein köstlicher Kerl ist doch Kollege X.! Der sagt von Jedem, sei er
auch der erwiesenste Schuft: »Alles was recht ist! Ein anständiger Mensch!« Nur
nie Farbe bekennen, nur leise treten, nur ja mit Jedem sich gut halten!
    Alle sind sie Macher, alle. Sie teilen sich nur in geschickte Mach er und
in ungeschickte. Da liegt der ganze Unterschied. Mit ironischem Lächeln gehe ich
stets auf ihre eigene Weltanschauung ein und hebe meine Sprüche an: »Wir sind ja
unter uns, mit Wasser kochen wir ja alle.« Und die Kerls merken nicht einmal,
dass ich mich über sie lustig mache.
    Das sind noch die Ehrlichen. Nur wenn Einer von seinen »idealen Zielen« zu
schwindeln anfängt,
