 »animal spirits« (tierische Lebensgeister)
nennt. Diese Anlage überwiegt vor allem bei den Frauen. Da aber das psychische
Element in Jeder menschlichen Natur liegt, so hindert es fortwährend die freie
Entfaltung des Physischen. Denn ist die geistige Fähigkeit eines solchen
Individuums eine geringe, so sucht es durch Fleiß und Studium sich zu Höherem
aufzuschwingen, verkümmert sich aber nur den physischen Genuss, ohne geistlge
Resultate zu erreichen. Und sind die geistigen Fähigkeiten nicht unbeträchtlich,
so erkennt ein solches Wesen bald die Nichtigkeit, des Tierischen, kritisirt an
sich herum, fühlt die gähnende Lücke seines Innern, bewundert das Höhere, ohne
sich zur geistigen Arbeit aufraffen zu können, weil eben das physische Element
von Natur aus zu mächtig in ihm. Dies sind all die zerrissenen, zerfahrenen und
in falschem Sinne romantischen Naturen. - Der Andre wird mit überwiegend
psychischem Element geboren. Ihn hindert nun das schwache physische Element
entweder durch Kränklichkeit im geistigen Schaffen, oder die sich stärkende
physische Natur rebellirt gegen die übermäßige Psyche, indem sie auf dem Wege
der Phantasie zu Ruhmsucht, Eitelkeit, Herrschsucht und Sinnlichkeit verführt.
    Der Graf schauderte vor des Leere seines einsamen Innern.
    Wer Gram und Zorn und Hass im Herzen hat, etwas hat er dann doch
hinabzuspülen. Er taucht in Letes Flut ein volles Blatt, ein vollgeschriebenes
Blatt - o er ist zu beneiden. Doch dies Gefühl des Erfrorenseins, des
Abgestorbenseins, erfüllt das ganze Herz mit Nacht und Schatten.
    Und als müsse er von der Muse einen ihrer würdigen Abschied in Versen
nehmen, quälte er seine ganze Lebenserkenntniss in folgende Reim-Prosa hinein:
Glück, das ist Frieden, Frieden ist Ruhe,
Ruhe ist Größe und Freiheit nur groß.
Denke und fühle, schaffe und tue
Friedlos und rastlos, im Sturmesgetos.
Ruhe sinkt willig in unruhvolle Seele.
Wer Ruhe aber suchet, den quält ein innrer Dorn.
Bewegung lenkt das All, der Einzle auch sie wähle.
In Widerspruch und Wechsel nur quillt der Wahrheit Born.
Wenn für die Gegenwart Du nicht denkst und nicht handelst,
Dann naht der Vergangenheit dürres Gespenst.
Oder mögliche Zukunft ins Jetzt Du schon verwandelst,
Deren Leiden Dir sicher, deren Freuden Du nicht kennst.
Du rechnest, ob nicht etwa der Wechsel oder jener
Zu Deinen Gunsten nahn wird, doch nur das Unheil naht.
Wer frühres Glück betrachtet, zu übersehn nicht wähn' er
Manch unfruchtbaren Samen, manch Unkraut in der Saat.
Wenn eine von der andern auch verschlungen werde,
Doch nennen wir uns Wogen in der Brandung der Zeit.
Statt dessen sind wir Blasen und Schaum diese Erde
Und drunter rollt unheimlich das Meer der Ewigkeit.
    Er überlas das Geschriebene. Dann lächelte er verächtlich und zerriss das
Papier. Er ein Dichter
